Wenn wir über die Fütterung von Pferden sprechen, fallen oft Begriffe wie „Eiweiß“, „Rohprotein“ oder „Muskelaufbau“.
Was viele nicht wissen: Hinter all dem verbergen sich Aminosäuren, die eigentlichen Bausteine des Lebens.
Was sind Aminosäuren?
Aminosäuren sind organische Verbindungen, aus denen Proteine aufgebaut sind. Sie übernehmen unzählige Funktionen im Körper deines Pferdes, vom Zellaufbau über Enzymfunktionen bis hin zur Hormonbildung. Besonders wichtig: Sie sind essenziell für den Muskelstoffwechsel, die Regeneration, das Immunsystem und die Leistungsfähigkeit.
Essenzielle vs. nicht-essenzielle Aminosäuren
Ein Pferd benötigt essenzielle Aminosäuren, da der Körper sie nicht selbst herstellen kann.
Dazu gehören u. a.: Lysin (wichtigster limitierender Faktor in der Pferdefütterung) Methionin Threonin Tryptophan Leucin, Isoleucin, Valin (die drei verzweigtkettigen BCAAs)
Nicht-essenzielle Aminosäuren kann der Körper selbst synthetisieren, aber nur, wenn die essenziellen ausreichend vorhanden sind.
Warum ist das Thema Aminosäuren so wichtig?
Ein Mangel an Aminosäuren zeigt sich oft nicht direkt, sondern schleichend, z. B. durch:
schlechten Muskelaufbau oder Muskelabbau
stumpfes Fell
schlechte Regeneration nach Belastung
geschwächtes Immunsystem
erhöhte Infektanfälligkeit
Viele Pferde bekommen zwar „ausreichend Rohprotein“, aber es fehlt an der richtigen Aminosäuren-Zusammensetzung. Vor allem Lysin ist in vielen Futterrationen zu knapp, besonders bei Heu aus spätem Schnitt oder bei Getreide-lastiger Fütterung.
Lysin, die Zahl, an der alles hängt
Lysin ist die erstlimitierende Aminosäure: Fehlt sie, kann der Körper die anderen nicht verbauen, so viel Rohprotein die Ration auch enthält. Das ist der Grund, warum ein Pferd mit reichlich Eiweiß trotzdem Muskeln abbauen kann.
Als Richtwert für ein 600-Kilo-Pferd im Erhaltungsbedarf gelten rund 25 Gramm Lysin am Tag. Bei Aufbautraining, im Wachstum und bei tragenden oder säugenden Stuten liegt der Bedarf deutlich darüber.
| Quelle | Lysin je 100 g | Wofür sie sich eignet |
|---|---|---|
| Heu, später Schnitt | rund 0,2 bis 0,3 g | Grundlage, deckt den Bedarf allein selten |
| Luzerne | rund 0,7 bis 0,9 g | die verlässlichste Ergänzung aus dem Grundfutter |
| Leinsamen | rund 0,9 g | dazu Omega-3, gut für Haut und Fell |
| Hanfsaat | rund 1,0 g | breites Aminosäureprofil |
| Bierhefe | rund 3 g | kleine Mengen, wirkt schnell |
| Reines Lysin | 100 g | nur bei nachgewiesenem Mangel und gezielt dosiert |
Die Werte schwanken je nach Charge, Boden und Schnittzeitpunkt. Sie zeigen aber die Größenordnung: Mit einem Kilo Luzerne deckst du einen erheblichen Teil, mit einem Esslöffel Pulver eher wenig.
Und die Kehrseite: Mehr Eiweiß ist nicht besser. Was das Pferd nicht verbaut, muss über Leber und Nieren abgebaut werden. Bei Pferden mit Leberbelastung oder wenig Arbeit ist ein Eiweißüberschuss ein echtes Problem, kein neutraler Zustand.
Wann macht eine gezielte Aminosäuren-Ergänzung Sinn?
Eine Ergänzung ist sinnvoll:
bei Jungpferden im Wachstum
im Muskelaufbau-Training
bei Senioren mit Muskelabbau
nach Krankheiten oder Rekonvaleszenz
bei trächtigen oder laktierenden Stuten
bei Haarwechsel und Hautproblemen
bei Pferden mit Leberproblemen oder Eiweißstoffwechselstörungen
Natürlich oder synthetisch?
Es gibt natürliche Eiweißquellen wie Esparsette, Leinsamen, Hanfsaaten oder Brennnesselsamen, sie liefern ein gutes Aminosäurenprofil. In manchen Fällen (z. B. bei starkem Mangel oder Leistungspferden) kann auch eine gezielte Gabe von Lysin & Co. in reiner Form sinnvoll sein – aber bitte immer bedarfsorientiert!
Wie du es für dein Pferd durchrechnest
Ob bei euch überhaupt etwas fehlt, zeigt erst die Rechnung: Ration aufschreiben, Mengen wiegen, Gehalte zusammenzählen. Genau das lernst du in Mineral-Klarheit, dort für Mineralstoffe und Spurenelemente, mit demselben Vorgehen wie hier beim Lysin.