KI-generiertKaum ein Thema spaltet die Pferdewelt so sehr wie die Entwurmung. Auf der einen Seite die alte Schule mit vier festen Wurmkuren im Jahr, auf der anderen Seite die Versprechen aus Foren und sozialen Netzwerken, dass ein Löffel Schwarzkümmel und eine Handvoll Karotten jeden Wurm zuverlässig vertreiben. Beides greift zu kurz.
Hier steht, was selektive Entwurmung wirklich bedeutet, was Hygiene und Kräuter leisten und wo der Griff zur klassischen Wurmkur weiterhin unverzichtbar bleibt.
Eines vorweg, damit es nicht untergeht: Kotproben und Wurmkuren laufen über deinen Tierarzt. Wurmmittel sind verschreibungspflichtig, und welche Probe wann sinnvoll ist, hängt von Alter, Haltung und Weidemanagement ab. Kräuter ersetzen weder die Untersuchung noch die Behandlung eines nachgewiesenen Befalls.
Warum hat die Routineentwurmung ausgedient?
Über Jahrzehnte galt die feste Wurmkur alle drei Monate als Goldstandard. Heute wissen wir: Diese pauschale Vorgehensweise hat zu massiven Resistenzen bei vielen Wurmarten geführt. Mittel, die früher zuverlässig gewirkt haben, zeigen heute teilweise nur noch eingeschränkte Wirkung. Das ist kein Marketingargument von Naturheilkundlern, sondern wissenschaftlich gut belegt und auch in der modernen Pferdemedizin längst angekommen.
Dazu kommt: Wie jedes Arzneimittel kann auch ein Wurmmittel Nebenwirkungen haben. Deshalb gilt: behandeln, wenn der Befund es verlangt, und dann richtig.
Ist eine Wurmkur eine Chemiebombe für mein Pferd?
Nein. Eine Wurmkur verändert die Darmflora messbar, aber nur für kurze Zeit. In einer irischen Studie war die Vielfalt der Darmbakterien sieben Tage nach der Kur geringer und nach 14 Tagen wieder wie vorher. Ein großer Teil der Veränderung kommt daher, dass die Würmer verschwinden, weniger vom Mittel selbst. Die Kur bleibt trotzdem ein Arzneimittel, das nur bei Bedarf gegeben wird.
Wichtig zu wissen: Würmer und Darmbakterien leben im Dickdarm zusammen, und die kleinen Strongyliden sind bei fast jedem Pferd auf der Weide dabei. Wenn eine Kur die Würmer abtötet, ändert sich auch das Umfeld für die Bakterien. Das haben mehrere Studien gemessen.
In der irischen Studie von 2019 bekamen Pferde Fenbendazol oder Moxidectin. Nach sieben Tagen war die Darmflora weniger vielfältig, und im Blut stiegen einzelne Entzündungswerte. Nach 14 Tagen hatte sich die Darmflora wieder erholt. Eine australische Studie von 2024 hat 24 Pferde verglichen, deren Würmer gegen das Mittel empfindlich oder schon resistent waren. Die Darmflora veränderte sich deutlich stärker, wenn die Kur die Würmer auch wirklich entfernte.
Bei Pferden ganz ohne Wurmbefall sah es so aus: In einer amerikanischen Studie mit zehn Pferden nahm die Vielfalt nach Moxidectin mit Praziquantel nur leicht ab, eine große Veränderung gab es nicht. Eine englische Studie fand nach Moxidectin bei Pferden ohne Wurmeier eine kurz veränderte Verdauung der Fasern im Labor, im Urin der Pferde dagegen keinen Unterschied.
Für mich heißt das: Eine nötige Wurmkur ist keine Chemiebombe, und sie schadet der Darmflora nicht auf Dauer. Unnötige Kuren würde ich trotzdem vermeiden, weil sie den Darm kurz durcheinanderbringen und Resistenzen fördern, ohne dass das Pferd etwas davon hat.
Welche Nebenwirkungen kann eine Wurmkur haben?
Bei richtiger Dosierung sind Nebenwirkungen selten. Die größten Risiken sind eine Überdosierung, vor allem bei Fohlen und kleinen Ponys, und eine Kur bei einem Pferd mit sehr hohem Befall. Dann können viele Larven auf einmal aus der Darmwand kommen und eine schwere Darmentzündung auslösen. Deshalb gehört jede Kur in die Absprache mit der Tierärztin.
Die Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht. Wer schätzt, liegt oft daneben, und wer bei einem Shetty einfach die ganze Tube gibt, überdosiert. Gerade Moxidectin hat bei Fohlen und sehr kleinen Pferden wenig Spielraum, und auch bei Ivermectin sind Vergiftungen bei Fohlen beschrieben. Wiegen oder mit dem Maßband messen lohnt sich also.
Die zweite Gefahr ist die larvale Cyathostominose. Kleine Strongyliden überwintern als Larven eingekapselt in der Darmwand. Kommen sehr viele davon gleichzeitig heraus, entzündet sich der Dickdarm schwer, mit Durchfall, Fieber und starkem Abnehmen. In einem irischen Ausbruch 2018 erkrankten 14 von 23 Pferden, zwei mussten eingeschläfert werden. Die Sterblichkeit wird in der Literatur mit rund 50 Prozent angegeben.
Diese Erkrankung kommt nicht von der Wurmkur selbst, sie kommt vom hohen Befall. Eine Kur kann sie aber auslösen, wenn sie viele erwachsene Würmer auf einmal abtötet. Deshalb ist es wichtig, einen Befall nicht jahrelang anwachsen zu lassen, und bei Pferden mit vermutlich hoher Last die Kur mit der Tierärztin zu planen.
Dazu kommt, dass Wurmkuren als ein Risikofaktor für Koliken gelten, vor allem wenn viele Würmer auf einmal absterben. Beobachte dein Pferd in den Tagen danach: Fressen, Äppeln, Verhalten.
Was füttere ich rund um eine Wurmkur?
Ganz normal weiter, mit viel Raufutter und ohne Fresspausen. In der Woche um die Kur herum würde ich nichts am Futter umstellen und kein neues Zusatzfutter anfangen, damit du Veränderungen im Kot richtig zuordnen kannst. Getreide in großen Mengen und plötzliche Weidegänge sind in dieser Zeit ungünstig.
Der Darm braucht vor allem gleichmäßigen Nachschub an Fasern. Das sind Heu, Heucobs oder Stroh, über den Tag verteilt, ohne Pausen über vier Stunden. Daraus leben die Bakterien, die Fasern abbauen, und die sind nach einer Kur am ehesten aus dem Gleichgewicht. Mehr dazu, was die Darmflora füttert, steht im Beitrag über Darmsanierung beim Pferd.
Hat dein Pferd nach der Kur über mehr als ein, zwei Tage weichen Kot, Kotwasser, frisst schlecht oder wirkt schlapp, ruf die Tierärztin an. Fieber, starker Durchfall oder Koliksymptome sind ein Notfall.
Was ist selektive Entwurmung beim Pferd?
Die wichtigste Veränderung in den letzten Jahren ist die selektive Entwurmung. Statt blind nach Kalender zu entwurmen, wird vorher per Kotprobe geprüft, ob überhaupt ein behandlungsbedürftiger Wurmbefall vorliegt. Bei den meisten gesunden, erwachsenen Pferden in stabilen Haltungen ist das nämlich gar nicht der Fall.
Eine vollständige Kotprobenuntersuchung umfasst idealerweise eine quantitative Bestimmung der Strongylideneier, eine Larvenanzucht zur Differenzierung kleiner und großer Strongyliden und je nach Jahreszeit auch eine Untersuchung auf Bandwurm und Spulwurm. Ergibt der Befund einen behandlungsbedürftigen Wert, wird gezielt das passende Mittel eingesetzt. Bleibt der Befund unauffällig, kann die chemische Wurmkur entfallen.
Das ist aus meiner Sicht der eigentliche Kern jeder modernen Entwurmungsstrategie. Nicht weniger Verantwortung, sondern mehr Information.
Wann ist eine chemische Wurmkur trotzdem nötig?
Es gibt Situationen, in denen eine Wurmkur nötig ist, und die legt dein Tierarzt fest. Dazu gehört der Bandwurm, der in der normalen Kotprobe oft nicht auftaucht. Er lässt sich über einen Blut- oder Speicheltest nachweisen oder wird meist einmal im Spätherbst behandelt.
Auch bei eingekapselten kleinen Strongyliden, also den encystierten Larven in der Darmwand, sind Kräuter machtlos. Im Spätwinter oder zeitigen Frühjahr ist deshalb in vielen Fällen eine Larvizidkur sinnvoll.
Fohlen und Jungpferde brauchen ein eigenes, engmaschig kontrolliertes Schema, weil ihr Immunsystem mit Spulwürmern und Co. noch nicht so umgehen kann wie das eines erwachsenen Tieres.
Wer hier ausschließlich auf Kräuter setzt, riskiert ernsthafte Schäden. Selektive Entwurmung heißt nicht, das schulmedizinische Werkzeug komplett wegzuwerfen, sondern es klug und gezielt einzusetzen.
Was leisten Kräuter bei der Entwurmung?
Und jetzt kommen wir zu dem Teil, den die meisten Pferdebesitzer am liebsten lesen. Kräuter werden traditionell rund um die Wurmsaison gefüttert. Eine Wirkung auf Würmer ist beim Pferd nicht belegt, und das gehört ehrlich benannt.
Vorweg der Satz, der über allem steht: Kräuter sind Futtermittel und keine Wurmkur. Sie entwurmen kein Pferd, und ich setze sie auch nicht so ein.
Schwarzkümmel, Walnussblätter, Thymian, Oregano und kleine Mengen Wermut werden in der Pferdefütterung seit Generationen rund um die Wurmsaison gegeben, kurweise und in kleinen Mengen. Belastbare Studien, die zeigen, dass sie beim Pferd die Wurmlast senken, gibt es nicht. Was ich aus der Praxis sagen kann: Sie sind ein Bestandteil der Ration in einer Zeit, in der ich ohnehin genauer hinschaue, mehr nicht.
Was Kräuter nicht können, ist einen bestehenden, klinisch relevanten Wurmbefall auflösen. Wer einen deutlich positiven Kotbefund hat, braucht eine gezielte Wurmkur vom Tierarzt.
Was senkt den Infektionsdruck wirklich?
Belegt senken den Infektionsdruck vor allem Abäppeln, Weideführung und eine passende Besatzdichte. Ob ein Pferd behandelt werden muss, zeigt die Kotprobe, nicht das Bauchgefühl. Eine gute Grundversorgung mit ausreichend Heu und einer durchdachten Mineralisierung gehört trotzdem dazu, sie ersetzt aber keine Kotprobe.
Warum sind Weide- und Stallhygiene so wichtig?
Selbst die beste Fütterung nützt wenig, wenn das Pferd ständig in einem Wurmkarussell steht. Das tägliche Abäppeln von Weide und Paddock ist die wirksamste Einzelmaßnahme zur Reduktion von Reinfektionen, wird in der Praxis aber selten konsequent umgesetzt. Eine durchdachte Weideführung mit Rotation, einer angemessenen Besatzdichte und idealerweise einer Mitnutzung durch Wiederkäuer kann den Infektionsdruck deutlich senken.
Auch im Stall lohnt es sich, regelmäßig zu schauen, wie sauber Tränken und Futterplätze tatsächlich sind. Würmer brauchen einen Übertragungsweg, und je seltener sich ihnen dieser bietet, desto seltener brauchen wir die Wurmkur überhaupt.
Häufige Fragen
Wie oft muss ein Pferd entwurmt werden?
Nach heutigem Stand gar nicht nach Kalender, sondern nach Befund. Bei einem gesunden erwachsenen Pferd in stabiler Haltung wird zwei bis vier Mal im Jahr eine Kotprobe untersucht, und behandelt wird nur, wenn der Wert es verlangt. Viele Pferde kommen so mit deutlich weniger Kuren aus. Ausgenommen sind die Fälle, die eine Kotprobe nicht sicher erfasst, also der Bandwurm und die eingekapselten Larven im ausgehenden Winter. Wie damit umgegangen wird, legt dein Tierarzt fest.
Kann man ein Pferd ohne Chemie entwurmen?
Vorbeugend lässt sich viel erreichen, einen nachgewiesenen Befall auflösen lässt sich damit nicht. Abäppeln, Weideführung und eine passende Besatzdichte senken den Infektionsdruck so weit, dass die meisten Pferde selten behandelt werden müssen. Ist der Befund aber deutlich positiv, braucht es das passende Mittel vom Tierarzt. Wer darauf verzichtet, riskiert Kolik und Darmschäden.
Welche Kräuter werden rund um die Wurmsaison gefüttert?
Gebräuchlich sind Schwarzkümmel, Walnussblätter, Thymian, Oregano und kleine Mengen Wermut. Sie sind Futter und kein Arzneimittel: Sie töten keine Würmer ab, und dass sie einen Befall senken, ist beim Pferd nicht belegt. Wermut gehört wegen des Thujongehalts nur kurweise und in kleinen Mengen in den Trog, nicht dauerhaft. Bei tragenden Stuten gehört jede Kräutergabe vorher tierärztlich abgesprochen.
Woran erkenne ich, dass mein Pferd Würmer hat?
Zuverlässig gar nicht, und das ist der Grund für die Kotprobe. Stumpfes Fell, ein aufgezogener Bauch, Abmagern trotz guter Fütterung, wiederkehrende Koliken oder Scheuern am Schweif können Hinweise sein, kommen aber genauso von zwanzig anderen Ursachen. Umgekehrt trägt ein Pferd ohne jedes Anzeichen manchmal eine hohe Last. Zählen kann die Eier nur das Labor.
Wie sieht ein sinnvolles Entwurmungsschema aus?
Als Gerüst: im Frühjahr und im Sommer je eine quantitative Kotprobe und nur bei Bedarf behandeln, im Spätherbst Bandwurmtest oder gezielte Bandwurmbehandlung, im ausgehenden Winter je nach Vorgeschichte und Haltung eine Larvizidkur. Wie dieses Gerüst bei euch aussieht, hängt von Alter, Weidefläche, Besatzdichte und den Befunden der letzten Jahre ab, und genau deshalb legt es der Tierarzt fest und nicht ein Schema aus dem Netz. Fohlen und Jungpferde folgen ohnehin einem eigenen, engeren Plan.
Schadet eine Wurmkur der Darmflora?
Sie verändert sie für kurze Zeit. In Studien war die Darmflora eine Woche nach der Kur weniger vielfältig und nach zwei Wochen wieder wie vorher. Ein großer Teil der Veränderung kommt vom Absterben der Würmer. Mit viel Raufutter und ohne Futterumstellung kommt der Darm in der Regel gut darüber.
Belastet eine Wurmkur die Leber?
Eine Wurmkur ist ein Arzneimittel und kein Grund zur Sorge, wenn sie nötig ist. Eine nötige Behandlung solltest du deshalb nicht verschieben. Sinnvoller ist, die Zahl der Kuren über Kotproben und Hygiene ehrlich klein zu halten und das Pferd in den Wochen um eine nötige Kur herum mit gutem Raufutter und Ruhe im Futterplan zu begleiten.
Was gehört zu einer durchdachten Entwurmung?
Selektive Entwurmung ist kein Verzicht auf Verantwortung, sondern eine bewusste Entscheidung für ein durchdachtes, individuelles Vorgehen. Sie kombiniert regelmäßige Kotproben, den gezielten Einsatz chemischer Wurmkuren wenn nötig, eine stabile Fütterung und konsequente Hygiene.
Wer alle diese Bausteine ernst nimmt, wird in den allermeisten Fällen mit deutlich weniger Wurmkuren auskommen und nebenbei dazu beitragen, dass die wenigen, wirklich notwendigen Mittel auch in Zukunft noch wirken.
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, wie Fütterung, Darmgesundheit und Mineralisierung deines Pferdes ineinandergreifen, schau dir gerne meinen Basisfutterkurs an. Dort gehe ich Schritt für Schritt mit dir durch alles, was dein Pferd wirklich braucht, um stabil und gesund zu bleiben.
Wie viel Heu und wie kurze Fresspausen der Darm dafür braucht, steht im Beitrag über Kotwasser. Und wie du die Mineralversorgung nachrechnest, die dazugehört, beim Mineralfutter.
Quellen
- Walshe N. u. a. (2019): Removal of adult cyathostomins alters faecal microbiota and promotes an inflammatory phenotype in horses. Int J Parasitol 49:489.
- Walshe N. u. a. (2021): Outbreak of acute larval cyathostominosis, a „perfect storm“ of inflammation and dysbiosis. Equine Vet J 53:727.
- Bell J., Raidal S. L., Hughes K. J. (2024): The effect of anthelmintic treatment and efficacy on the faecal microbiota of healthy adult horses. Vet Parasitol 330:110241.
- Kunz I. G. Z. u. a. (2019): Equine fecal microbiota changes associated with anthelmintic administration. J Equine Vet Sci 77:98.
- Daniels S. P. u. a. (2020): Bugs and drugs: a systems biology approach to characterising the effect of moxidectin on the horse's faecal microbiome. Anim Microbiome 2:38.
- Darby S., DeNotta S., Gomez D. E. (2025): Ivermectin toxicosis in a foal. Can Vet J.
Zuletzt fachlich überarbeitet am 15.10.2026.


