
Ein Pferd mit 500 kg braucht nach der GfE 1,05 mg Selen und rund 510 mg Vitamin E am Tag. Heu liefert davon in Deutschland meistens nur einen Teil, beim Vitamin E im Winter oft nicht mal ein Fünftel. Ergänzen ist also fast immer nötig. Beim Selen liegen Bedarf und Zuviel aber so nah beieinander, dass du jede Quelle mitrechnen musst.
Selen und Vitamin E werden gern zusammen verkauft, als Pulver, als Pellets oder in Muskelprodukten. Ganz ehrlich, das ist bei kaum einem Nährstoff so heikel wie hier. Beim Vitamin E ist ein bisschen mehr in der Regel kein Problem. Beim Selen schon. Ich hab das bei meiner eigenen Stute Helena gesehen: Ich hab sie jahrelang so natürlich wie möglich gefüttert, und als ich die Ration in RatioPro durchgerechnet habe, lagen Zink, Kupfer, Vitamin E und Selen deutlich unter Bedarf. In diesem Beitrag stehen die Zahlen, die du brauchst, was dein Heu liefert, woran du einen Mangel erkennst und wie du alles zusammenzählst, bevor du etwas dazukaufst.
Wofür braucht ein Pferd Selen und Vitamin E?
Beide schützen die Zellen vor Schäden durch freie Radikale, also vor Stoffwechselprodukten, die bei jeder Muskelarbeit entstehen. Selen ist Teil eines Enzyms, das solche Stoffe abbaut. Vitamin E sitzt in den Zellwänden und fängt sie dort ab. Die beiden arbeiten zusammen, deshalb werden sie so oft gemeinsam genannt.
Besonders gefragt sind sie in der Muskulatur und im Nervensystem. Bei Pferden, die viel arbeiten, steigt der Bedarf an Vitamin E deutlich. Selen braucht der Körper außerdem für die Schilddrüsenhormone und für das Immunsystem.
Wichtig zu wissen: Das Pferd kann beides nicht selbst bilden und auch nicht schmecken. Es gibt keinen Instinkt, der ein Pferd zu selenreichem Futter führt. Das gibt es beim Pferd nur fürs Salz, mehr dazu im Beitrag Holt sich das Pferd, was es braucht?
Wie viel Selen braucht ein Pferd am Tag?
Die GfE empfiehlt für ein Pferd mit 500 kg im Erhalt 1,05 mg Selen am Tag. Für 600 kg sind es 1,2 mg, für 400 kg 0,9 mg. Anders als bei der Energie steigt der Selenbedarf bei Arbeit kaum. Das sind Milligramm, also sehr kleine Mengen, und genau das macht die Rechnung so empfindlich.
| Körpergewicht | Selen am Tag (GfE, Erhalt) |
|---|---|
| 200 kg | 0,55 mg |
| 300 kg | 0,70 mg |
| 400 kg | 0,90 mg |
| 500 kg | 1,05 mg |
| 600 kg | 1,20 mg |
| 700 kg | 1,35 mg |
Auf die Ration umgerechnet sind das etwa 0,1 mg Selen je Kilo Trockenmasse. Gemessene Mittelwerte für Heu in Deutschland liegen zwischen 0,02 und 0,1 mg je Kilo. Ein Pferd mit 10 kg Heu bekommt damit etwa 0,2 bis 0,9 mg Selen, also 20 bis 85 Prozent seines Bedarfs. Wo genau dein Heu liegt, zeigt nur eine Analyse, und Selen wird in der Standardanalyse oft gar nicht mitgemessen.
Warum ist zu viel Selen gefährlich?
Weil zwischen Bedarf und Zuviel wenig Platz ist. Das EU-Futtermittelrecht erlaubt höchstens 0,5 mg Selen je Kilo Futter in der Gesamtration, bei einem Pferd mit 500 kg sind das rund 5 mg am Tag. Der Bedarf liegt bei 1,05 mg. Bei Zink ist der Abstand ein Vielfaches davon.
Eine dauerhafte Überversorgung zeigt sich zuerst an Haaren und Hufen. Die Pferde verlieren Haare an Mähne und Schweif, am Kronrand bilden sich Risse, die nach unten wachsen, bis sich im schlimmsten Fall Teile der Hufkapsel lösen. Dazu kommen Lahmheit und Mattigkeit. Wie das am Huf aussieht, steht im Beitrag zu schlechten Hufen.
Die amerikanischen Empfehlungen des NRC nennen 2 mg je Kilo Trockenmasse als Grenze, die ein Pferd dauerhaft verträgt. Das wären für 500 kg rund 18 bis 20 mg am Tag. Das klingt nach viel Luft. In der Praxis kommt es aber vor, dass zwei Mineralfutter, ein mineralisiertes Müsli, ein Muskelpulver und ein Leckstein mit Selen zusammenkommen. Organisches Selen aus Selenhefe wird außerdem stärker im Körper eingelagert. Deshalb ist es in der EU bei der Ergänzung zusätzlich begrenzt, auf 0,2 mg je Kilo Futter.
Eine akute Selenvergiftung ist selten. Sie kommt vor allem durch Fehler beim Mischen oder durch zu hohe Spritzen vor und ist ein Notfall.
Wie viel Vitamin E braucht ein Pferd am Tag?
Für ein Pferd mit 500 kg im Erhalt rechne ich nach den GfE-Werten mit rund 510 mg Vitamin E am Tag, also etwa 1 mg je Kilo Körpergewicht. Bei Arbeit verdoppelt sich der Bedarf. Der NRC nennt im Erhalt 500 IE, bei Arbeit 800 bis 1.000 IE. Die beiden Werte liegen also nah beieinander.
| Pferd | Vitamin E am Tag, ungefähr |
|---|---|
| 400 kg, Erhalt | 410 mg |
| 500 kg, Erhalt | 510 mg |
| 600 kg, Erhalt | 610 mg |
| 500 kg, Arbeit | 1.020 mg |
| 600 kg, Arbeit | 1.220 mg |
Anders als beim Selen ist beim Vitamin E viel Abstand bis zum Zuviel. Der NRC setzt die sichere Obergrenze bei 20 IE je Kilo Körpergewicht an, für 500 kg also 10.000 IE am Tag. Sehr hohe Mengen über lange Zeit können die Aufnahme der anderen fettlöslichen Vitamine stören. Mit üblichen Dosierungen kommst du da nicht hin.
Bekommt mein Pferd über Heu und Weide genug?
Auf der Weide meistens ja, im Winter mit Heu fast nie. Frisches Gras liefert rund 200 mg Vitamin E je Kilo Trockenmasse. Heu hat frisch geerntet nur noch etwa 10 mg, und beim Lagern wird es weniger. Mit 10 kg Heu bekommt ein Pferd also grob 85 mg, das sind 17 Prozent des Bedarfs.
Selen hängt am Boden. Weite Teile Deutschlands gelten als selenarm, und das Gras nimmt nur auf, was im Boden ist. Weide und Heu von derselben Fläche liefern also ähnlich wenig. Beim Selen ändert sich mit dem Winter darum wenig, beim Vitamin E sehr viel.
Für dich heißt das:
- Weidepferde im Sommer haben beim Vitamin E meist keine Lücke, beim Selen in der Regel schon.
- Pferde ohne Weide oder im Winter brauchen fast immer Vitamin E über das Mineralfutter oder einen Zusatz.
- Pferde mit viel Arbeit brauchen doppelt so viel Vitamin E, auch im Sommer kann das knapp werden.
Was sich sonst im Winter an der Ration ändert, steht im Beitrag zur Winterfütterung.
Wie erkenne ich einen Mangel an Selen oder Vitamin E?
Am Pferd kaum, die Zeichen sind unspezifisch: Muskelschwäche, schnelles Ermüden, Muskelverspannungen, schlechte Leistung. Verlässlich ist nur der Blutwert zusammen mit der Rationsberechnung. Die Tierärztin misst Selen im Vollblut oder Serum und Vitamin E im Serum. Wichtig ist, dass die Probe für Vitamin E kühl und dunkel ins Labor kommt.
Bei schweren Mangelzuständen sind beim Pferd Erkrankungen von Muskeln und Nerven beschrieben. Bei Fohlen von selenarm versorgten Stuten kann es eine Muskelerkrankung geben, die früher Weißmuskelkrankheit hieß. Bei erwachsenen Pferden mit langem Vitamin-E-Mangel ist eine Erkrankung der Nervenzellen bekannt, die Equine Motoneuronerkrankung. Das ist selten und gehört in tierärztliche Hände.
Ein einzelner Blutwert ist eine Momentaufnahme. Vitamin E im Blut schwankt mit der Fütterung der letzten Wochen. Sinnvoll ist eine Messung im Spätherbst oder gegen Ende des Winters, wenn die Weide lange weg ist. Beim Selen zeigt das Vollblut eher die Versorgung über die letzten Monate.
Wie rechne ich Selen in der Ration richtig zusammen?
Indem du jede Quelle aufschreibst und die Milligramm addierst: Heu, Mineralfutter, Müsli, Zusätze, Leckstein. Auf dem Etikett steht Selen in Milligramm je Kilo Futter. Das teilst du durch 1.000 und nimmst es mal die Gramm, die dein Pferd am Tag bekommt. Erst die Summe sagt, ob es passt.
Ein Beispiel, wie es im Stall oft aussieht:
| Quelle | Angabe auf dem Etikett | Menge am Tag | Selen am Tag |
|---|---|---|---|
| Heu, 10 kg | etwa 0,05 mg je kg TS | knapp 9 kg TS | 0,45 mg |
| Mineralfutter | 20 mg je kg | 50 g | 1,0 mg |
| Müsli mit Mineralien | 0,5 mg je kg | 1 kg | 0,5 mg |
| Muskelpulver mit Selen und Vitamin E | 40 mg je kg | 50 g | 2,0 mg |
| Summe | 3,95 mg |
Allein das Mineralfutter hätte den Bedarf zusammen mit dem Heu gedeckt. Mit Müsli und Muskelpulver liegt das Pferd jetzt beim Vierfachen und nah an der Grenze, die das Futtermittelrecht für die ganze Ration zieht. Jedes Produkt für sich ist korrekt dosiert. Zusammengezählt hat sie nur niemand.
Deshalb gebe ich Selen nie auf Verdacht extra. Erst kommt die Rechnung, bei Unsicherheit der Blutwert, und dann wird gezielt ergänzt. Beim Vitamin E ist das entspannter, da lege ich lieber etwas großzügiger an, gerade im Winter.
Wenn du lernen willst, Deklarationen so zu lesen und selbst nachzurechnen, ob ein Mineralfutter zu deinem Heu passt, gibt es dafür meinen Kurs mit Rechner.
Natürliches oder synthetisches Vitamin E, was ist besser?
Natürliches Vitamin E wird vom Pferd besser genutzt. Auf dem Etikett heißt es RRR-Alpha-Tocopherol oder d-Alpha-Tocopherol, das synthetische all-rac-Alpha-Tocopherylacetat oder dl-Alpha-Tocopherol. Ein Milligramm natürliches Vitamin E entspricht 1,49 IE, ein Milligramm der synthetischen Form 1 IE.
Für die Rechnung heißt das: Achte darauf, in welcher Einheit das Produkt angibt, Milligramm oder IE, und welche Form drin ist. Viele Mineralfutter enthalten die synthetische Form. Die kannst du trotzdem füttern, rechne die Menge dann nur nicht zu knapp.
Vitamin E ist fettlöslich. Es wird besser aufgenommen, wenn es mit Futter gegeben wird und nicht pur ins Maul. Und es verträgt Licht, Luft und Wärme schlecht. Angebrochene Packungen gehören gut verschlossen und kühl gelagert.
Wann gehört die Tierärztin dazu?
Sofort, wenn ein Pferd plötzlich steif wird, stark schwitzt, zittert, nicht mehr laufen will oder dunklen Urin hat. Das kann eine Muskelerkrankung sein. Ebenso bei fortschreitender Schwäche, Muskelabbau trotz Futter oder einem schwachen Fohlen. Selen gehört außerdem nur nach Blutwert und auf tierärztliche Anweisung gespritzt.
Auch bei Haarausfall an Mähne und Schweif oder Rissen am Kronrand sollte die Tierärztin draufschauen. Bring dann eine Liste mit allem mit, was dein Pferd bekommt, mit den Etiketten. Ein Selenüberschuss lässt sich oft schon an der Futterliste erkennen.
Häufige Fragen zu Selen und Vitamin E beim Pferd
Wie viel Selen braucht ein Pferd am Tag?
Ein Pferd mit 500 kg braucht nach der GfE 1,05 mg Selen am Tag, eins mit 600 kg 1,2 mg. Bei Arbeit steigt der Bedarf kaum. Rechne alle Quellen zusammen, bevor du ergänzt, weil die Spanne bis zum Zuviel eng ist.
Wie viel Vitamin E braucht ein Pferd am Tag?
Im Erhalt rund 1 mg je Kilo Körpergewicht, bei 500 kg also etwa 510 mg. Bei Arbeit ungefähr das Doppelte. Ohne Weide deckt Heu davon meist weniger als ein Fünftel.
Kann ich Vitamin E überdosieren?
Mit üblichen Mengen praktisch nicht. Der NRC nennt 10.000 IE am Tag für 500 kg als sichere Obergrenze. Sehr hohe Mengen über Monate können die Aufnahme anderer fettlöslicher Vitamine stören.
Soll ich Selen und Vitamin E das ganze Jahr füttern?
Selen meistens ja, weil die Böden in Deutschland selenarm sind, aber gerechnet und nur so viel, wie fehlt. Vitamin E vor allem dann, wenn das Pferd wenig oder keine Weide hat, also im Winter und bei Pferden auf dem Paddock.
Sind Selen-Lecksteine eine gute Idee?
Eher nicht als einzige Quelle. Wie viel ein Pferd davon abschleckt, ist sehr unterschiedlich, du weißt also nie, wie viel ankommt. Zusätzlich zu einem selenhaltigen Mineralfutter können sie die Summe unnötig nach oben treiben.
Was ist besser, Selenhefe oder Natriumselenit?
Beides wird vom Pferd genutzt. Selen aus Selenhefe wird stärker im Körper eingelagert. Das ist bei echtem Mangel ein Vorteil und bei Überversorgung ein Nachteil. Entscheidend ist die Gesamtmenge.
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie: Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag, 2014. Spurenelemente nach der Zusammenstellung der LUFA NRW, 2024.
- National Research Council: Nutrient Requirements of Horses. 6. Auflage, National Academies Press 2007.
- LfL Bayern: Gruber Tabelle zur Fütterung der Pferde. 9. Auflage, 2024.
- Durchführungsverordnung (EU) 2019/804 über die Zulassung von Selenverbindungen als Futtermittelzusatzstoffe (Höchstgehalt 0,50 mg Selen je kg Alleinfuttermittel mit 12 % Feuchte, organisches Selen höchstens 0,20 mg).
- Die Versorgung des Pferdes mit Kupfer und Selen, Veterinärmedizinische Universität Wien, mit Heuwerten nach Spiekers 1991 und Braun 2007.
- Coenen M, Vervuert I (Hrsg.): Pferdefütterung. 6. Auflage, Thieme 2020.


