Kurse ansehenShopAusbildungBlogÜber michEmpfehlungenKontaktZum Mitgliederbereich
Grundlagen·11 Min. Lesezeit·06.10.2026

Holt sich das Pferd, was es braucht? Der Fress-Instinkt

Fressen Pferde instinktiv richtig? Was Studien zu Salz, Spurenelementen, Giftpflanzen und Gewicht zeigen und wo der Instinkt dein Pferd im Stich lässt.

Ein Schimmel zupft mit dem Maul einen Trieb mit hellen Blättern aus dem Gestrüpp am Weiderand, vorn blüht Klee.
Ein Schimmel zupft mit dem Maul einen Trieb mit hellen Blättern aus dem Gestrüpp am Weiderand, vorn blüht Klee.

Pferde haben genau für einen Nährstoff einen angeborenen Appetit: für Salz. Merkt ein Pferd einen Salzmangel, sucht es gezielt danach. Für Kupfer, Zink, Selen und die übrigen Spurenelemente gibt es so etwas nicht. Alles andere am Fressverhalten ist gelernt, und dieses Lernen ist langsam und leicht zu täuschen. Der Satz „Das Pferd holt sich, was es braucht“ stimmt deshalb nur für Salz.

Den Satz liest du in fast jeder Facebookgruppe, und er klingt ja auch schön: Man stellt Kräuter, Mineralien und Heu hin, und das Pferd sucht sich selbst zusammen, was ihm fehlt. Ich verstehe total, warum das so gut ankommt. Wer sein Pferd liebt, will ihm vertrauen. Ich habe mir die Studien dazu trotzdem einmal sauber angesehen, weil ich in Rationsberechnungen immer wieder Pferde sehe, die mit allem Drumherum trotzdem bei Kupfer und Zink im Minus stehen. In diesem Beitrag steht, was die Forschung zu Salz, Spurenelementen, Energie, Giftpflanzen und Kräutern sagt, und was das für die Schüssel deines Pferdes heißt. Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Der Instinkt deines Pferdes ist echt, er ist nur für eine Welt gemacht, in der es seine Weide nicht mehr lebt.

Haben Pferde einen Instinkt fürs richtige Futter?

Ja, aber einen viel engeren, als oft behauptet wird. Angeboren ist der Salzappetit und eine Vorliebe für süß, eine Abneigung gegen sehr bitter und sehr sauer. Alles andere lernt ein Pferd über Erfahrung: Es verbindet Geruch und Geschmack eines Futters mit dem Gefühl im Bauch danach. Fachleute nennen das Lernen über die Folgen nach dem Fressen.

Dieses Lernen funktioniert, aber es hat zwei Schwächen. Erstens ist es langsam, weil Futter beim Pferd lange durch den Darm wandert. Bis sich eine Wirkung zeigt, sind Stunden vergangen, und das Pferd hat längst etwas anderes gefressen. Zweitens kann ein Pferd nur lernen, was es spürt. Ein Mangel an Kupfer oder Selen baut sich über Wochen und Monate auf und fühlt sich nicht an wie ein Futter, das man meiden oder suchen könnte.

Die Forscherin M. van den Berg hat das in ihrer Doktorarbeit an der Universität von New England in Australien genau untersucht. Ihr Ergebnis: Pferde wählen ihr Futter nach Nährstoffgehalt und Geschmack, aber erst, nachdem sie Erfahrung damit gesammelt haben. Ein neues Futter ist für ein Pferd zunächst einfach nur neu.

Warum suchen Pferde gezielt nach Salz?

Weil Natrium der einzige Nährstoff ist, für den Pferde einen echten, angeborenen Hunger haben. Fehlt Salz über Wochen, lecken Pferde an Holz, Steinen, Erde oder an der Hand. Das ist kein Spleen, sondern genau dieser Salzhunger. Er ist der Kern dessen, was am Satz vom Instinkt wirklich stimmt.

Aber selbst hier reicht der Instinkt nicht immer aus. Bei Pferden, die gearbeitet werden und schwitzen, liegt die freiwillige Salzaufnahme in Untersuchungen oft unter dem Bedarf. Am Leckstein kommen viele Pferde schlicht nicht auf ihre Menge, weil die Zunge das nicht hergibt.

Dazu kommt ein Effekt, den viele beim Umstieg auf loses Salz oder lose Mineralien beobachten: Die ersten Tage frisst das Pferd gierig, danach deutlich weniger. Das sieht aus, als sei der Bedarf gedeckt. Oft ist es nur der Reiz des Neuen, der nachlässt. Ich rechne deshalb immer eine feste Salzmenge ins Futter ein und biete Salz zusätzlich frei an. Wie viel dein Pferd braucht und warum der Leckstein meist nicht reicht, steht im Beitrag zur Salzfütterung beim Pferd.

Kann ein Pferd einen Mangel an Spurenelementen spüren?

Nein. Für Kupfer, Zink, Selen, Jod und Mangan gibt es beim Pferd keinen eigenen Appetit. Ein Pferd kann Kupfermangel weder schmecken noch riechen. Wie viel Mineralfutter es freiwillig frisst, hängt mit Ausnahme von Salz kaum mit dem zusammen, was es tatsächlich braucht, sondern mit Geschmack, Gewohnheit und Neugier.

Das ist kein Randproblem. Der kanadische Futterhersteller Mad Barn hat die Rationen von 200 Pferden ausgewertet: Über 90 Prozent waren bei mindestens einem Spurenelement oder Vitamin unterversorgt. Am häufigsten fehlten Natrium, Kupfer, Zink, Selen und Vitamin E. Gleichzeitig bekamen viele dieser Pferde zu viel Energie, Eiweiß und Eisen. Das Bild ist also nicht „zu wenig von allem“, sondern ein Ungleichgewicht, das man nur sieht, wenn man rechnet.

Heißt für uns: Ein Mineralleckstein oder eine Schale mit Mineralfutter zur freien Wahl ist keine Mineralversorgung. Die Menge muss abgemessen in die Schüssel. Wie du ein Mineralfutter findest, das zu deinem Heu passt, steht im Beitrag zum natürlichen Mineralfutter.

Wählen Pferde ihr Futter nach Energie und Eiweiß?

Mit der Zeit ja, aber nicht sofort und nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. In einer Studie aus England haben Sarah Redgate und Kolleginnen sieben Wallachen drei Futter angeboten, alle auf Basis von gehäckseltem Wiesenlieschgras und mit gleich viel Energie. Eines war reich an Eiweiß, eines an Stärke und Zucker, eines an Fett.

Beim ersten Angebot hatten die Pferde nach vier Stunden keine Vorliebe. Erst nachdem sie jedes Futter eine Zeit lang einzeln bekommen hatten, änderte sich das Bild: Danach bevorzugten sie das eiweißreiche und das stärkereiche Futter, das fettreiche fraßen sie weniger.

Das zeigt zweierlei. Pferde können lernen, Futter nach seinen Nährstoffen zu unterscheiden, und das ist schon eine beeindruckende Leistung. Sie brauchen dafür aber Erfahrung mit genau diesem Futter. Und was sie danach wählen, ist das, was sich gut anfühlt, also eher Energie aus Stärke und Zucker. Für ein Pferd in der Steppe, das um jede Kalorie kämpft, ist das klug. Für ein leichtfuttriges Freizeitpferd im Offenstall ist es genau die falsche Richtung.

Hört ein Pferd von selbst auf, wenn es satt ist?

Nicht zuverlässig. An der Universität Liverpool haben Alexandra Dugdale und Kolleginnen Ponystuten über Monate Futter zur freien Verfügung gegeben und genau gemessen, wie viel sie fressen. Normalgewichtige Ponys fraßen in Spitzenzeiten bis zu 4,6 Prozent ihres Körpergewichts an Trockenmasse am Tag und nahmen dabei rund 50 bis 60 Kilo zu.

Der natürliche Jahresrhythmus, nach dem Pferde im Winter eigentlich abnehmen, reichte nicht aus, um das zu verhindern. Die Forscherinnen schreiben, dass dieser Rhythmus Übergewicht bei freiem Zugang zu Futter nicht verhindert. Der Appetit des Pferdes ist auf Zeiten gemacht, in denen auf den Sommer ein magerer Winter folgt. Den gibt es im Stall nicht.

Für Pferde mit Stoffwechselproblemen ist das der wichtigste Punkt in diesem Beitrag. Ihr Appetit schützt sie nicht, er arbeitet eher gegen sie. Das heißt nicht, dass du dein Pferd hungern lassen sollst. Lange Fresspausen sind für den Magen eine echte Belastung. Es heißt, dass die Heumenge abgewogen, über den Tag verteilt und mit einem engmaschigen Heunetz gestreckt wird, statt dem Pferd die Entscheidung zu überlassen. Wie du die passende Menge ermittelst, steht im Beitrag zur Rationsberechnung.

Meiden Pferde Giftpflanzen von allein?

Oft, aber nicht immer. Viele Giftpflanzen schmecken bitter, und Bitteres meiden Pferde auf der Weide meist. Gefährlich wird es in drei Situationen: wenn der Geschmack verschwindet, wenn die Weide nichts anderes mehr hergibt, und wenn ein Pferd eine Pflanze schlicht nicht kennt.

Das beste Beispiel für den ersten Fall ist das Jakobskreuzkraut. Frisch lassen Pferde es meist stehen. Im Heu getrocknet bauen sich die Bitterstoffe ab, das Gift bleibt. Die enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide schädigen die Leber, und die Schäden summieren sich über Monate. Ein Pferd, das jeden Tag ein bisschen davon im Heu frisst, merkt nichts, bis die Leber nicht mehr mitmacht.

Für den zweiten Fall steht der Bergahorn. Seine Samen und Keimlinge enthalten Hypoglycin A, das die atypische Weidemyopathie auslöst, eine Muskelerkrankung, an der laut britischen Tierärzten rund 70 Prozent der erkrankten Pferde sterben. Gefressen werden die Keimlinge vor allem dann, wenn auf kargen Herbst- und Frühjahrsweiden kaum anderes Futter steht. Welche Bäume am Paddock harmlos sind und welche nicht, steht im Beitrag über Sträucher und Bäume für Pferde.

Können Pferde lernen, eine Giftpflanze zu meiden?

Ja, das ist sogar untersucht. In den USA ist es gelungen, Pferden eine Abneigung gegen Locoweed anzutrainieren, eine Giftpflanze der Prärie: Nach dem Fressen bekamen sie ein Mittel, das Übelkeit auslöst. Bei Ziegen hielt eine so gelernte Abneigung in einem Versuch fast drei Jahre. Sie verschwand aber schnell, sobald die Tiere mit Artgenossen weideten, die die Pflanze weiter fraßen. Das Herdenvorbild ist stärker als die eigene Erfahrung.

Suchen sich Pferde Kräuter, wenn sie krank sind?

Dafür gibt es beim Pferd bisher keinen Beleg. Selbstmedikation bei Tieren, in der Fachsprache Zoopharmakognosie, ist bei Pferden nie systematisch untersucht worden. Es gibt Einzelberichte und ein Beobachtungsprojekt der Universität Calgary, das 2021 begonnen hat und an Wildpferden in Kanada prüft, ob sie Pflanzen mit Wirkung gegen Würmer bevorzugen. Ergebnisse, die das belegen, gibt es bisher nicht.

Was es gibt, sind Versuche, in denen Pferde einen Geschmack mit der Wirkung eines Medikaments verbunden haben. Das zeigt, dass sie das Lernen dazu grundsätzlich beherrschen. Ob sie es auf der Weide auch so einsetzen, ist offen.

Ich finde Kräuter zur freien Wahl trotzdem eine schöne Sache, weil sie Abwechslung und Beschäftigung bringen. Nur sollte niemand darauf bauen, dass sein Pferd damit ein Problem selbst behandelt. Wenn dein Pferd plötzlich auffällig viel von einer bestimmten Pflanze frisst, ist das ein Grund hinzuschauen, aber kein Beweis, dass es genau das braucht.

Was heißt das für die Fütterung deines Pferdes?

Dass du den Instinkt deines Pferdes ernst nehmen darfst, aber nicht als Futterplan. Er sagt dir zuverlässig, wenn Salz fehlt. Er sagt dir, was dein Pferd mag. Er sagt dir nicht, ob Kupfer, Zink und Selen reichen, ob die Energie zum Gewicht passt oder ob im Heu etwas liegt, das nicht hineingehört.

Ganz ehrlich, das ist auch eine gute Nachricht. Wenn dein Pferd trotz Leckstein und Kräuterbar Probleme hat, hast du nichts falsch gemacht. Du hast nur einem Satz vertraut, der überall steht. Was ich konkret empfehle:

  • Salz abgemessen ins Futter und zusätzlich loses Salz frei anbieten.
  • Mineralfutter nach dem Heu auswählen und abgemessen füttern, nicht zur freien Wahl.
  • Heu bei leichtfuttrigen Pferden abwiegen und über den Tag verteilen, statt die Menge dem Appetit zu überlassen.
  • Weide und Heu auf Jakobskreuzkraut und Bergahorn prüfen, besonders im Herbst und Frühjahr.
  • Kräuter gern als Abwechslung, aber nicht als Ersatz für eine Rationsberechnung.

Wann gehört die Tierärztin dazu?

Immer dann, wenn dein Pferd etwas frisst, was es sonst nicht frisst, und dazu krank wirkt. Ruf die Tierärztin sofort, wenn ein Pferd nach dem Weidegang steif läuft, stark schwitzt, nicht mehr aufstehen will oder dunklen Urin absetzt, besonders auf Weiden mit Bergahorn in der Nähe. Das können Zeichen der atypischen Weidemyopathie sein, und dann zählt jede Stunde.

Auch wer Jakobskreuzkraut im Heu gefunden hat, das schon verfüttert wurde, sollte mit der Tierärztin über eine Blutuntersuchung der Leberwerte sprechen. Dauerhaftes Lecken an Wänden, Erde- oder Holzfressen ist kein Notfall, gehört aber abgeklärt, bevor du an der Fütterung herumprobierst. Häufig steckt Salzmangel oder zu wenig Raufutter dahinter, manchmal auch etwas anderes.

Woher stammen die Zahlen in diesem Beitrag?

  • Redgate, S. E. und Kolleginnen: Studie zur Futterwahl bei sieben Wallachen mit eiweiß-, stärke- und fettreichem Futter, University of Lincoln und WALTHAM Equine Studies Group, zusammengefasst bei The Horse.
  • van den Berg, M.: Behavioural mechanisms of diet selection by horses, Doktorarbeit, University of New England, Australien.
  • Dugdale, A. H. A. und Kolleginnen: Appetit, Gewicht und Körperfett bei Ponys mit Futter zur freien Verfügung im Jahresverlauf, University of Liverpool.
  • Randall, R. P. und Kolleginnen, 1978: Geschmacksvorlieben bei Fohlen für süß, salzig, sauer und bitter.
  • Mad Barn: Auswertung von 200 Pferderationen, 2018, und Übersicht zur freiwilligen Mineralaufnahme.
  • Kentucky Equine Research: freiwillige Salzaufnahme bei Pferden.
  • British Equine Veterinary Association: atypische Myopathie durch Bergahorn.
  • Universität Calgary, 2021: Beobachtungsprojekt zur Selbstmedikation bei Wildpferden in Alberta.
  • Utah State University, Poisonous Plant Research: gelernte Abneigung gegen Giftpflanzen bei Pferden, Ziegen und Rindern.

Häufige Fragen zum Fress-Instinkt beim Pferd

Holt sich ein Pferd die Mineralien, die es braucht?

Nur beim Salz. Für Natrium haben Pferde einen angeborenen Appetit und suchen gezielt danach, wenn es fehlt. Für Kupfer, Zink, Selen und die anderen Spurenelemente gibt es das nicht. Wie viel Mineralfutter ein Pferd freiwillig frisst, hängt vor allem an Geschmack und Gewohnheit.

Reicht ein Mineralleckstein?

Meistens nicht. Am Leckstein kommen viele Pferde nicht auf ihre Menge, und die Aufnahme schwankt stark von Pferd zu Pferd. Ein Leckstein ist eine nette Ergänzung, aber keine Mineralversorgung. Mineralfutter gehört abgemessen in die Schüssel, passend zum Heu.

Warum leckt mein Pferd an Holz oder Erde?

Häufig ist es Salzhunger, der einzige echte Fress-Instinkt für einen Nährstoff. Auch zu wenig Raufutter mit langen Fresspausen kommt oft infrage. Biete loses Salz an und rechne eine feste Menge ins Futter ein. Lässt das Verhalten in zwei bis drei Wochen nach, war es Salz. Wenn nicht, gehört es abgeklärt.

Fressen Pferde Giftpflanzen?

Frisch auf der Weide meiden sie viele Giftpflanzen wegen der Bitterstoffe. Im Heu getrocknet schmeckt zum Beispiel Jakobskreuzkraut nicht mehr bitter und wird mitgefressen. Auf kargen Weiden fressen Pferde auch Bergahornkeimlinge, die eine oft tödliche Muskelerkrankung auslösen können.

Kann ich mein Pferd an der Kräuterbar selbst wählen lassen?

Als Abwechslung ja. Dass Pferde gezielt Kräuter wählen, die gegen ein bestimmtes Problem wirken, ist beim Pferd nicht belegt. Eine Kräuterbar ersetzt deshalb keine Rationsberechnung und keine Tierärztin, wenn dein Pferd krank wirkt.

Frisst mein Pferd zu viel, wenn es Heu zur freien Verfügung hat?

Viele Pferde ja, besonders leichtfuttrige Rassen und Ponys. In einer Studie der Universität Liverpool nahmen Ponys mit freiem Zugang zu Futter rund 50 bis 60 Kilo zu. Bei Pferden mit Übergewicht wird das Heu deshalb abgewogen und mit Heunetz über den Tag verteilt, damit die Fresspausen trotzdem kurz bleiben.

Weiterlesen