Haferstroh und Grünhaferstroh klingen fast gleich, machen im Trog aber zwei völlig verschiedene Jobs. Haferstroh ist der ausgedroschene Halm, also das Nebenprodukt der Körnerernte: viel Faser, kaum Energie, kaum Eiweiß. Es ist ein Verdünner. Grünhaferstroh ist die ganze Haferpflanze, geerntet bevor sich Stärke im Korn einlagert, also mit Blattmasse und Rispe: immer noch strukturreich und stärkearm, aber deutlich näher am Heu.
Die Kurzfassung, falls du gerade zwischen zwei Säcken stehst: Ein leichtfuttriges Pferd, das zu lange vor leerem Netz steht, braucht Haferstroh. Ein sensibles oder eher schmales Pferd, das Struktur braucht, aber keine Nulldiät verträgt, ist mit Grünhaferstroh besser bedient. Und in beiden Fällen gilt: Stroh ersetzt nie die gesamte Raufutterration, sondern höchstens einen Teil davon.
Stroh hat in der Pferdefütterung einen zweifelhaften Ruf, und der stammt fast immer aus Fällen, in denen es falsch eingesetzt wurde. Richtig dosiert ist es eines der nützlichsten Futtermittel überhaupt, gerade in Zeiten, in denen gutes Heu teuer und energiereiches Heu das eigentliche Problem ist.
Warum überhaupt Stroh, wenn es Heu gibt
Der Pferdemagen produziert Magensäure rund um die Uhr, unabhängig davon, ob gerade etwas darin liegt. Gepuffert wird sie im Wesentlichen durch Speichel, und Speichel entsteht nur beim Kauen. Eine Fresspause von vier Stunden ist deshalb für den Magen etwas anderes als eine Fresspause von einer Stunde.
Bei vielen Pferden kollidieren an dieser Stelle zwei Anforderungen. Sie bräuchten mehr Kauzeit, vertragen aber die Kalorien nicht, die mit mehr Heu automatisch mitkommen. Genau diese Lücke füllt Stroh: Es bringt Volumen und Kauzeit, ohne die Energiebilanz nennenswert zu verschieben.
Eine schwedische Untersuchung von 2021 hat das nachgemessen. Wurde die Hälfte der Raufutterration durch hygienisch einwandfreies Weizenstroh ersetzt, fraßen die Pferde länger, nahmen weniger Energie auf und zeigten niedrigere Insulinwerte. Die Magenschleimhaut wurde dabei endoskopisch kontrolliert, und die Geschwürwerte unterschieden sich nicht von der Kontrollgruppe.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil eine ältere dänische Feldstudie von 2009 Stroh als Risikofaktor für Magengeschwüre identifiziert hatte. Der Unterschied steckt im Detail: Dort ging es um Pferde, die ausschließlich Stroh als Raufutter bekamen. Das ist etwas anderes, als Stroh in eine Heuration hineinzurechnen. Beide Ergebnisse zusammen ergeben die Regel, die in der Praxis trägt: Stroh als Anteil, nie als Ersatz.
Der Unterschied zwischen Haferstroh und Grünhaferstroh
Es hilft, sich den Erntezeitpunkt vorzustellen.
Haferstroh entsteht, wenn der Hafer bis zur Kornreife auf dem Feld steht, gedroschen wird und der Halm übrig bleibt. Die Pflanze hat zu diesem Zeitpunkt alles Verwertbare ins Korn verlagert. Was zurückbleibt, ist Zellwand: Zellulose, Hemizellulose und Lignin. Unter den Getreidestrohen gilt Haferstroh dabei als das schmackhafteste und weichste, weshalb es traditionell als Futterstroh eingesetzt wird und nicht nur als Einstreu.
Grünhaferstroh wird deutlich früher geschnitten, kurz nach der Blüte, bevor sich nennenswerte Mengen Stärke im Korn bilden. Geerntet wird die gesamte oberirdische Pflanze, also Halm, Blätter und die noch unreife Rispe. Dadurch bleibt Blattmasse im Futter, und mit ihr Eiweiß, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe, die im ausgedroschenen Halm schlicht nicht mehr vorhanden sind.
Grünhaferstroh liegt damit zwischen Stroh und Heu. Es ist kein Kraftfutter und auch kein Haferersatz, trotz des Namens. Wer von „Hafer" den klassischen Energieschub erwartet, liegt hier falsch, und das ist bei stoffwechselempfindlichen Pferden ausdrücklich der Punkt.
Die Zahlen, und was sie bedeuten
Konkrete Analysewerte schwanken bei Naturprodukten von Jahr zu Jahr, von Schlag zu Schlag und sogar von Ballen zu Ballen. Die folgenden Werte sind Richtwerte aus der Futtermitteltabellenliteratur, keine Zusicherung für einen bestimmten Sack.
| Getreidestroh | Wiesenheu, mittlere Qualität | |
|---|---|---|
| Energie | rund 5,2 MJ DE je kg | rund 7,3 MJ DE je kg |
| Rohfaser | rund 40 bis 45 % | rund 28 bis 32 % |
| Rohprotein | rund 3 bis 5 % | rund 8 bis 12 % |
| Zucker und Stärke | sehr niedrig | je nach Schnitt stark schwankend |
Die Energieangabe stammt aus den Empfehlungen der Landwirtschaftskammer: Stroh liefert im Mittel etwa zwei Drittel der Energie von Wiesenheu. Das ist mehr, als viele erwarten. Wer glaubt, mit Stroh eine Nullkalorie zu füttern, verrechnet sich. Bei vier Kilo Stroh am Tag kommen immer noch gut 20 MJ zusammen.
Der Rohfasergehalt liegt beim 1,35- bis 1,75-fachen von Heu. Das ist die eigentliche Leistung des Strohs, und gleichzeitig die Stelle, an der es anspruchsvoll wird: Diese Faser muss zerkleinert und im Dickdarm zerlegt werden, und beides braucht funktionierende Voraussetzungen.
Beim Grünhaferstroh liegen die Werte je nach Schnittzeitpunkt zwischen diesen beiden Spalten, mit mehr Rohprotein und etwas mehr Energie als klassisches Haferstroh, aber weiterhin sehr niedrigem Stärkegehalt. Belastbar wird das erst mit der Analyse des jeweiligen Erntejahres, und danach sollte man beim Anbieter auch fragen.
Futterstroh ist nicht Einstreustroh
Das ist der Punkt, an dem in der Praxis das meiste schiefgeht, und er hat mit Nährwerten überhaupt nichts zu tun.
Stroh, das als Einstreu verkauft wird, ist kein Futtermittel. Es unterliegt nicht den futtermittelrechtlichen Anforderungen, es wird nicht auf Schimmelpilze und Verunreinigungen geprüft, und niemand garantiert dir, unter welchen Bedingungen es gelagert wurde. Dass Pferde davon fressen, ist eingeplant, geprüft ist es deswegen nicht.
Dazu kommt die Frage der Rückstände. Im konventionellen Getreidebau sind Halmverkürzer üblich, damit die Bestände nicht ins Lager fallen, und in manchen Jahren wird vor der Ernte sikkiert, also die Abreife chemisch beschleunigt. Beides landet nicht im Korn, sondern genau dort, wo du beim Futterstroh hinschaust: im Halm.
Wer Stroh als Futtermittel einsetzt, und nicht nur als Bodenbelag, sollte deshalb Ware in Futtermittelqualität kaufen. Bio-Anbau löst dieses Problem an der Wurzel, weil Halmverkürzer und Sikkation dort nicht zugelassen sind.
Genau deshalb arbeite ich beim Strukturfutter mit dem Biohof Elmengrund zusammen. Dort kommt das Hafer-Stroh als Nebenprodukt der eigenen Hafererzeugung vom Hof, in Bioland-Qualität, mit Bio-Kontrollnummer und mit Analysen, die für das jeweilige Erntejahr veröffentlicht werden. Der Hof schreibt dazu ausdrücklich, dass es sich um Stichprobenanalysen von mehreren hundert Hektar Anbaufläche handelt und die Werte schwanken können. Diese Ehrlichkeit ist mir lieber als eine glatte Zahl auf dem Sack, die niemand belegen kann.
Beide Sorten gibt es dort als Futterprobe von rund 11 Kilo und als Kleinballen zu je etwa 28 Kilo. Bei einem Futtermittel, das dein Pferd mögen muss und das erst über Wochen eingeführt wird, ist die kleine Menge zum Ausprobieren keine schlechte Idee.
Wie viel Stroh darf in die Ration
Die Gesamtmenge Raufutter liegt bei 1,5 bis 2,0 kg je 100 kg Sollgewicht am Tag. Für ein 600-Kilo-Pferd sind das 9 bis 12 Kilo, und zwar Heu, Heulage, Cobs und Stroh zusammengerechnet.
Diese Angabe steht auch auf vielen Produktseiten, und sie wird regelmäßig falsch gelesen. Sie bezieht sich auf die gesamte Raufutterration, nicht auf das jeweilige Produkt. Vier Kilo Stroh plus zehn Kilo Heu sind keine Ration nach dieser Regel, sondern deutlich zu viel Gesamtmenge.
Für den Strohanteil daran gelten folgende Orientierungswerte:
- Bis zu einem Drittel der Raufutterration ist für die meisten Pferde unproblematisch, wenn Zähne, Wasserversorgung und Anfütterung stimmen.
- Bis zur Hälfte ist bei hygienisch einwandfreier Ware nach der schwedischen Untersuchung vertretbar, gehört aber unter Beobachtung und in eine durchgerechnete Ration.
- Stroh als einziges Raufutter ist keine Option, auch nicht kurzfristig.
Für unser 600-Kilo-Pferd heißt das im Alltag: etwa 3 Kilo Stroh, in Ausnahmefällen und begründet bis 5 Kilo, und der Rest bleibt Heu.
Wenn du wissen willst, wie sich Energie, Eiweiß und Mineralstoffe verschieben, sobald du Heu gegen Stroh tauschst, dann rechne die Ration einmal komplett durch. Genau an dieser Stelle fällt auf, dass mit dem Heu auch Nährstoffe wegfallen, die vorher niemand auf dem Zettel hatte.
Die drei Fehler, die Stroh gefährlich machen
Zu wenig Wasser. Stroh bindet im Darm Flüssigkeit, und die muss von irgendwoher kommen. Der häufigste Kolikfall im Zusammenhang mit Stroh ist die Verstopfungskolik, und sie tritt gehäuft im Winter auf, wenn die Tränke kalt ist oder halb zugefroren und die Pferde deutlich weniger saufen als im Sommer. Wer den Strohanteil hochfährt, muss die Wasseraufnahme im Blick behalten, notfalls mit angewärmtem Wasser oder eingeweichten Cobs als Flüssigkeitsträger. Der Salzleckstein gehört ohnehin dazu, mehr dazu im Beitrag über die Salzfütterung.
Zähne, die nicht mehr mitmachen. Strohfaser ist hart und muss zerkleinert werden. Ein Pferd mit Backenzahnproblemen schluckt sie halb gekaut ab, und dann verlagert sich das Problem in den Verdauungstrakt. Bei Senioren mit reduziertem Gebiss ist Stroh deshalb oft der falsche Weg, und die bessere Antwort sind eingeweichte Cobs. Woran du gute erkennst, steht im Beitrag über Heucobs.
Zu schnelle Umstellung. Die Dickdarmflora braucht Zeit, sich auf ein faserreicheres Futter einzustellen. Wird von heute auf morgen umgestellt, sind Kotwasser und ein aufgeblähter Bauch die typische Reaktion. Fang mit einer halben Portion an und steigere über zwei bis drei Wochen. Wenn dein Pferd ohnehin zu Kotwasser oder einem Blähbauch neigt, geh noch langsamer vor und beobachte den Kot täglich.
Ein vierter Punkt kommt in bestimmten Regionen dazu: Sand. Wird Stroh auf sandigem Boden oder auf abgefressenen Paddocks angeboten, nimmt das Pferd Sand mit auf. Stroh gehört deshalb in ein Netz oder eine Raufe, nicht auf den Boden.
Was Stroh nicht kann
Man liest gelegentlich, Stroh sei das „Ur-Mineralfutter" des Pferdes. Das hält der Rechnung nicht stand.
Richtig ist, dass Stroh siliziumreich ist, und Silizium spielt im Bindegewebsstoffwechsel eine Rolle. Falsch ist die Schlussfolgerung, Stroh könne deshalb Mineralstoffe liefern, die woanders fehlen. Bei Zink, Kupfer und Selen liegen die Gehalte im Stroh nicht höher als im Heu, teilweise niedriger, und die Bedarfslücken bleiben, wo sie waren. Beim Rohprotein verschärft sich die Lage sogar: Tauschst du Heu gegen Stroh, sinkt die Eiweißversorgung mit.
Ein 500-Kilo-Pferd braucht zur Erhaltung rund 425 mg Zink, 105 mg Kupfer und 1,05 mg Selen am Tag. Diese Mengen kommen weder aus dem Heu noch aus dem Stroh, sondern aus einem passenden Mineralfutter. Welches das ist, entscheidet die Analyse deines Grundfutters, nicht der Text auf der Dose. Mehr dazu im Beitrag über natürliches Mineralfutter.
Und noch etwas kann Stroh nicht: einen Heumangel kaschieren. Wenn das Heu knapp wird, ist Stroh ein Teil der Lösung, aber es verlängert nur, was sonst fehlt. Die Ration muss trotzdem aufgehen.
Für welches Pferd welches Stroh
| Situation | Passt eher |
|---|---|
| Leichtfuttrig, zu rund, zu lange Fresspausen | Haferstroh |
| EMS, Insulinresistenz, Hufrehe in der Vorgeschichte | Haferstroh, in durchgerechneter Menge |
| Sensibel, eher schmal, braucht Struktur ohne Stärke | Grünhaferstroh |
| Verweigert klassisches Stroh | Grünhaferstroh, schmackhafter durch Blattanteil |
| Heu ist knapp und soll gestreckt werden | Grünhaferstroh als Anteil, Heu bleibt Basis |
| Senior mit schlechtem Gebiss | Keins von beiden, eingeweichte Cobs |
| Diagnostiziertes Magengeschwür in Behandlung | Nur nach Rücksprache mit der Tierärztin |
Bei diagnostizierten Magengeschwüren ist Zurückhaltung angebracht. Die Studienlage spricht zwar gegen ein pauschales Strohverbot, sie ist aber an gesunden Pferden erhoben worden. Ein Pferd in Behandlung ist kein Ort für Experimente.
Wann ein Tierarzt gefragt ist
Sofort, ohne Abwarten:
- Kolikanzeichen nach einer Futterumstellung: Scharren, Flankenblick, Wälzen, kein Kotabsatz, kein Interesse am Futter. Eine Verstopfungskolik entwickelt sich oft langsam und wird dadurch unterschätzt.
- Deutlich verminderter oder ausbleibender Kotabsatz über mehr als einige Stunden.
- Wiederholtes Verschlucken, Husten beim Fressen oder Futter, das aus der Nase kommt. Das ist der Verdacht auf eine Schlundverstopfung und ein Notfall.
Zum Termin, aber ohne Panik:
- Kotwasser, das nach drei Wochen Umstellung nicht besser wird.
- Gewichtsverlust, obwohl die Futtermenge gleich geblieben ist. Häufig steckt dann ein Zahnproblem dahinter, das vorher nur nicht aufgefallen ist, weil Heu leichter zu kauen war.
- Futterbrocken im Kot oder Wickelkauen, beides Hinweise auf ein Gebiss, das eine Zahnkontrolle braucht.
Häufige Fragen
Ist Grünhaferstroh dasselbe wie Grünhafer?
Nicht ganz. Grünhafer wird meist vor oder während der Blüte geschnitten und häufig als Häcksel oder Cobs angeboten. Grünhaferstroh wird kurz nach der Blüte geerntet und bleibt in der langen, strohigen Form. Beides ist die ganze Pflanze und beides ist stärkearm, aber der spätere Schnitt bedeutet mehr Faser und weniger Nährstoffe.
Macht Hafer mein Pferd nicht hektisch?
Der Ruf stammt vom Haferkorn und dessen Stärke. Sowohl beim Haferstroh als auch beim Grünhaferstroh fehlt genau dieser Teil, weil entweder gedroschen oder vor der Kornreife geerntet wurde. Beobachte dein Pferd trotzdem, jedes reagiert anders, aber die Stärkefracht, um die es bei der Diskussion geht, ist hier nicht drin.
Kann ich einfach die Einstreu als Futterstroh rechnen?
Nein, aus zwei Gründen. Einstreustroh ist kein geprüftes Futtermittel, und du weißt nicht, wie viel dein Pferd tatsächlich davon frisst. Für eine durchgerechnete Ration brauchst du eine bekannte Menge. Wenn dein Pferd viel Einstreu frisst, ist das ein Hinweis darauf, dass Kauzeit fehlt, und genau darauf solltest du mit einer geplanten Strohgabe antworten.
Muss Stroh eingeweicht werden?
Langes Stroh nicht, es wird wie Heu gefressen. Wichtig ist stattdessen, dass reichlich Wasser zur Verfügung steht. Strohpellets und Cobs dagegen müssen immer eingeweicht werden, dort besteht Quellgefahr im Schlund.
Wie erkenne ich schlechtes Futterstroh?
Am Geruch und am Staub. Gutes Stroh riecht neutral bis leicht süßlich und staubt beim Aufschütteln kaum. Muffiger Geruch, graue oder weiße Beläge, Klumpen oder ein Ballen, der sich innen warm anfühlt, sind Ausschlusskriterien. Bei Pferden mit Atemwegsproblemen ist die Staubfrage ohnehin das erste Kriterium, noch vor dem Nährwert.
Wie lange dauert die Umstellung?
Rechne mit zwei bis drei Wochen bis zur Zielmenge, bei empfindlichen Pferden mit vier. Steigere in kleinen Schritten und beobachte den Kot. Wenn Kotwasser auftritt, gehst du eine Stufe zurück und bleibst dort, bis sich das wieder beruhigt hat.