KI-generiertKartoffelprotein steckt in manchen Müslis, Pellets und Ergänzern für Pferde. Auf den ersten Blick klingt es vielversprechend: hoher Proteingehalt, pflanzliche Herkunft, gut verdaulich.
Das stimmt auch. Kartoffeleiweiß ist ein zugelassenes Einzelfuttermittel mit einem sehr guten Aminosäuremuster. Die Frage ist eine andere: Braucht dein Pferd dieses Eiweiß überhaupt? Und was ist mit dem Solanin, das jeder mit Kartoffeln verbindet?
Was ist Kartoffelprotein überhaupt?
Kartoffelprotein ist ein Nebenprodukt der Stärkeherstellung. Beim Auswaschen der Stärke fällt Kartoffelfruchtwasser an. Daraus wird das Eiweiß durch Erhitzen ausgefällt, getrocknet und als Futtermittel vermarktet. Heraus kommt ein hochkonzentriertes Eiweißerzeugnis mit rund 77 % Rohprotein, fast ohne Faser und ohne Stärke.
Zum Vergleich: Sojaextraktionsschrot hat rund 45 % Rohprotein, Lein- und Sonnenblumenkuchen rund 35 %, Luzerne 16 bis 20 %.
Wie gut ist das Aminosäuremuster von Kartoffelprotein?
Für das Pferd zählt nicht, wie viel Rohprotein im Futter steckt, sondern ob die Aminosäuren ankommen, die knapp werden können. Das ist vor allem Lysin, daneben Threonin und Methionin. Und genau da ist Kartoffeleiweiß stark:
| Eiweißträger | Lysin | Threonin | Methionin + Cystin |
|---|---|---|---|
| Kartoffeleiweiß | 7,6 | 5,6 | 3,6 |
| Erbsen | 7,3 | 3,9 | 2,7 |
| Bierhefe | 6,8 | 4,8 | 2,7 |
| Sojaextraktionsschrot | 6,3 | 4,0 | 3,0 |
| Rapsextraktionsschrot | 5,3 | 4,5 | 4,7 |
| Heu | rund 4,6 | k. A. | k. A. |
| Leinsaatextraktionsschrot | 3,7 | 4,3 | 3,7 |
| Sonnenblumenextraktionsschrot | 3,6 | 3,7 | 4,1 |
Gramm Aminosäure je 100 g Eiweiß.
Kartoffeleiweiß hat also mehr Lysin im Eiweiß als Soja und deutlich mehr Threonin. Es ist kein minderwertiger Füllstoff, sondern eines der besten pflanzlichen Eiweiße, die es gibt. Deshalb ist es auch nicht billig. Wer auf dem Etikett einen hohen Rohproteinwert zum kleinen Preis erreichen will, nimmt eher Soja, Raps oder Sonnenblume.
Warum ich bei Soja trotzdem genauer hinschaue, erkläre ich im Beitrag Soja im Pferdefutter.
Braucht dein Pferd überhaupt Kartoffelprotein?
Nehmen wir ein erwachsenes Freizeitpferd mit 500 kg, das nicht arbeitet, nicht wächst und nicht tragend ist. Sein Bedarf pro Tag nach den Empfehlungen der GfE:
- rund 317 g dünndarmverdauliches Rohprotein
- rund 13 g Lysin
- rund 16 g Threonin
Es frisst 10 kg Heu mit eher magerem Eiweißgehalt, 8 % Rohprotein in der Trockenmasse. Daraus kommen bei üblichem Faseranteil rund 360 g dünndarmverdauliches Rohprotein und rund 17 g Lysin. Der Bedarf ist gedeckt, ohne dass irgendetwas dazukommt.
50 g Kartoffeleiweiß würden rund 39 g Rohprotein und knapp 3 g Lysin dazulegen. Das schadet diesem Pferd nicht, es bringt ihm aber auch nichts.
Anders sieht es aus, wenn das Heu richtig mager ist. Bei 6 % Rohprotein kommen aus denselben 10 kg nur noch rund 220 g dünndarmverdauliches Rohprotein und rund 10 g Lysin. Dann fehlen etwa 100 g Eiweiß und 3 g Lysin am Tag. Die Lysinlücke schließen schon rund 60 g Kartoffeleiweiß. Genau hier liegt seine Stärke: wenig Menge, viel von dem, was fehlt.
Die Rechnung zeigt auch, warum ich nicht nach Etikett entscheide. Ob ein eiweißreiches Futter passt, hängt am Heu, und das kennt nur, wer es untersucht hat.
Wie du so eine Rechnung für dein eigenes Pferd aufbaust, zeige ich dir im Beitrag zur Rationsberechnung.
Wann passt Kartoffelprotein in die Ration?
Kartoffelprotein passt dann, wenn dein Pferd wirklich mehr Eiweiß braucht, als das Heu liefert: im Wachstum, bei tragenden und laktierenden Stuten, bei alten Pferden mit Muskelabbau, im echten Aufbautraining oder bei sehr eiweißarmem Heu. Weil es rund 77 % Rohprotein und viel Lysin enthält, reichen dann kleine Mengen. Wie viel, zeigt nur die Rechnung.
Sinnvoll sein kann es, wenn wirklich Bedarf besteht:
- bei Fohlen und Jungpferden im Wachstum, bei denen Lysin als erstes knapp wird
- bei tragenden und laktierenden Stuten
- bei alten Pferden, die Muskulatur abbauen
- bei Pferden im echten Aufbautraining
- bei sehr eiweißarmem Heu oder Heu-Stroh-Rationen
Auch dann gilt: nicht nach Gefühl, sondern gerechnet. Weil das Eiweiß so konzentriert ist, reichen kleine Mengen.
Und was ist mit Solanin?
Rohe und grüne Kartoffeln sind fürs Pferd nichts. Sie enthalten Solanin und Trypsinhemmer und gehören, wenn überhaupt, nur gekocht oder gedämpft in den Trog. Blüten und Beeren der Kartoffelpflanze zählen zu den Giftpflanzen.
Beim Kartoffeleiweiß ist es nicht so einfach, wie man vielleicht hofft. Solanin und seine Verwandten, zusammen Glykoalkaloide genannt, sind hitzestabil. Sie verschwinden beim Erhitzen nicht, sondern landen zum Teil mit im Eiweiß. In Kartoffeleiweiß aus verschiedenen Stärkefabriken wurden rund 800 bis über 3.000 mg Glykoalkaloide je Kilogramm gemessen, je nachdem, wie gut die Rohkartoffeln waren. Es gibt gereinigte Qualitäten mit rund 100 mg je Kilogramm.
Wie viel davon für ein Pferd unbedenklich ist, weiß niemand genau. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2020 die Glykoalkaloide in Futter und Lebensmitteln bewertet und konnte für Pferde kein Risiko einschätzen, weil schlicht die Daten fehlen. Berichte über Vergiftungen durch Kartoffeleiweiß im Pferdefutter habe ich keine gefunden, und bei den kleinen Anteilen in einem Mischfutter ist das auch wenig wahrscheinlich.
Mein praktischer Rat: Wenn du ein Produkt mit viel Kartoffeleiweiß dauerhaft füttern willst, frag beim Hersteller nach, ob er eine glykoalkaloidarme Qualität einsetzt. Auf dem Etikett steht das nicht.
Was weiß man über Kartoffelprotein beim Pferd?
Fast alles, was über Kartoffeleiweiß bekannt ist, stammt aus der Fütterung von Schweinen, Geflügel und Fischen. Beim Schwein ist es sehr gut verdaulich, knapp 90 % des Lysins kommen im Dünndarm an. Eigene Untersuchungen am Pferd habe ich nicht gefunden. Selbst die Standardwerke zur Pferdefütterung führen Kartoffeleiweiß nicht auf, nur Kartoffeln und Kartoffelpülpe.
Die Zahlen in diesem Beitrag sind also übertragen. Dass Eiweiß mit diesem Aminosäuremuster auch beim Pferd gut genutzt wird, ist sehr wahrscheinlich. Gemessen ist es nicht.
Was passiert bei zu viel Eiweiß?
Beim Freizeitpferd ist Eiweißmangel selten, Eiweißüberschuss dagegen häufig, meist schon durch gutes Heu, Gras oder Luzerne. Gesunde Pferde tolerieren bis etwa 2,8 bis 3 g Rohprotein je Kilogramm Körpergewicht und Tag, bei 500 kg also rund 1.400 bis 1.500 g.
Was darüber hinausgeht, nutzt der Körper als Energiequelle. Den Stickstoff muss die Leber zu Harnstoff umbauen, die Nieren scheiden ihn aus. Das siehst du im Stall:
- das Pferd trinkt mehr und setzt mehr Urin ab
- die Box wird nasser, und es riecht stärker nach Ammoniak, was die Atemwege belastet
- der Harnstoff im Blut steigt
- über die Nieren gehen mehr Kalzium und Phosphor verloren
- im Darm können die Abbauprodukte die Mikroflora verschieben
Bei einem Pferd mit Leber- oder Nierenerkrankung gehört die Eiweißmenge deshalb mit der Tierärztin abgestimmt.
Woran erkennst du Kartoffelprotein auf dem Futtersack?
Du erkennst Kartoffelprotein nur in der Zusammensetzung, nicht in der Analyse. Dort steht es als Kartoffeleiweiß, Kartoffelprotein oder Kartoffeleiweißkonzentrat. Die Einzelfuttermittel sind nach Menge sortiert: Steht es weit vorn, ist viel davon drin. Häufig steckt es in proteinreichen Ergänzern und Muskelaufbaufuttern. Ob die Glykoalkaloide niedrig sind, steht dagegen nicht auf dem Etikett.
Bei Pferdefutter müssen die Einzelfuttermittel mit Namen in der Zusammensetzung stehen, in absteigender Menge. Achte auf:
- Kartoffeleiweiß, Kartoffelprotein oder Kartoffeleiweißkonzentrat
- Kartoffelfaser oder Kartoffelpülpe (das sind andere Bestandteile derselben Verarbeitung, nicht dasselbe)
Ein praktischer Anhaltspunkt:
Steht das Eiweißerzeugnis weit vorn in der Liste, ist reichlich davon drin. Schau dann auf den Rohproteingehalt in der Analyse und rechne nach, wie viel Eiweiß bei der empfohlenen Tagesmenge zusammenkommt.
Wenn du mehr zum Thema erfahren willst und dein Pferd gezielt und sinnvoll mit Aminosäuren versorgen möchtest, schau dort weiter.
Häufige Fragen
Was ist Kartoffelprotein?
Ein Nebenprodukt der Stärkegewinnung aus der Kartoffel. Aus dem Fruchtwasser, das beim Auswaschen der Stärke anfällt, wird das Eiweiß ausgefällt, getrocknet und als eiweißreiches Futtermittel verkauft. Es enthält rund 77 % Rohprotein und hat ein sehr gutes Aminosäuremuster, vor allem viel Lysin und Threonin.
Ist Kartoffelprotein schädlich für Pferde?
Nicht grundsätzlich. Es ist ein zugelassenes Einzelfuttermittel. Offen ist die Frage der Glykoalkaloide wie Solanin: Sie überstehen das Erhitzen, und je nach Qualität steckt unterschiedlich viel davon im Eiweiß. Für Pferde gibt es dazu keine Daten. Bei dauerhafter Fütterung größerer Mengen lohnt die Nachfrage beim Hersteller.
Wie erkenne ich Kartoffelprotein auf dem Futtersack?
In der Zusammensetzung, nicht in der Analyse. Gesucht sind die Begriffe Kartoffelprotein, Kartoffeleiweiß und gelegentlich Kartoffeleiweißkonzentrat. Steht es weit vorn in der Liste, ist viel davon drin, denn die Zusammensetzung ist nach Anteil sortiert. Häufig steckt es in proteinreichen Ergänzern und in Muskelaufbaufuttern.
Wie versorge ich mein Pferd sinnvoll mit Eiweiß?
Zuerst über die Grundration. Entscheidend ist nicht, wie viel Rohprotein ins Pferd geht, sondern ob die begrenzenden Aminosäuren da sind, allen voran Lysin, daneben Threonin und Methionin. Gutes Heu und Luzerne in Maßen decken das beim Freizeitpferd meist schon. Reicht das nicht, hilft eine gezielte Aminosäurenergänzung oder ein Eiweißträger mit gutem Aminosäuremuster, und dazu gehört auch Kartoffeleiweiß. In beiden Fällen gilt: die Menge rechnen.
Braucht mein Pferd überhaupt zusätzliches Eiweiß?
Die meisten Freizeitpferde nicht. Bedarf haben Fohlen und Jungpferde im Wachstum, tragende und laktierende Stuten, alte Pferde mit nachlassender Verwertung und Pferde im echten Aufbautraining. Beim durchschnittlichen Freizeitpferd mit ausreichend gutem Heu ist die Eiweißversorgung selten das Problem, und ein Mangel wird deutlich häufiger vermutet als gemessen.
Woher die Zahlen kommen: Bedarf an Rohprotein, Lysin und Threonin, die Berechnung des dünndarmverdaulichen Rohproteins aus dem Heu, die tolerierte Obergrenze und die Folgen eines Überschusses nach Coenen und Vervuert, Pferdefütterung, 6. Auflage 2020, auf Grundlage der GfE-Empfehlungen 2014. Aminosäuren von Erbsen, Bierhefe, Soja, Raps, Lein und Sonnenblume ebenfalls aus Coenen und Vervuert. Nährstoffe und Verdaulichkeit von Kartoffeleiweiß aus den Futtertabellen von INRAE, CIRAD und AFZ (feedtables.com). Hinweise zu rohen Kartoffeln nach der Gruber Tabelle zur Pferdefütterung der LfL Bayern, 9. Auflage 2024. Glykoalkaloidgehalte nach Untersuchungen an Kartoffeleiweiß aus verschiedenen Stärkefabriken (Animal Feed Science and Technology, 2009) und Refstie und Tiekstra (Aquaculture, 2003). Risikobewertung: EFSA Journal 2020;18(8):6222. Die Beispielrechnung geht von 88 % Trockenmasse und 600 g Faser (NDF) je Kilogramm Trockenmasse im Heu aus.
Zuletzt fachlich überarbeitet am 26.09.2026.


