
Das Lymphsystem ist das zweite Leitungssystem im Körper deines Pferdes, neben den Blutgefäßen. Es sammelt die Flüssigkeit, die sich im Gewebe ansammelt, und bringt sie zurück ins Blut. Unterwegs wird sie in den Lymphknoten gefiltert, und dort treffen Abwehrzellen auf Erreger. Ein eigenes Herz hat das Lymphsystem nicht, angetrieben wird es vor allem durch Bewegung.
Über das Lymphsystem wird im Stall viel geredet und wenig erklärt. Da gibt es Lymphkräuter, Lymphdrainage und Lymphtropfen, und jede dicke Stelle am Pferd wird schnell der Lymphe zugeschrieben. In diesem Beitrag steht, wie das System beim Pferd wirklich aufgebaut ist, wo du die Lymphknoten tastest und wie sie sich normal anfühlen, wann ein dicker Lymphknoten ein Warnzeichen ist und warum die Beule am Kopf nach dem Grasen meistens gar nichts mit der Lymphe zu tun hat. Um angelaufene Beine geht es hier nur kurz, die haben einen eigenen Beitrag.
Was macht das Lymphsystem beim Pferd?
Das Lymphsystem holt Flüssigkeit, Eiweiß, Fett und Zellreste aus dem Gewebe und leitet sie über feine Gefäße zurück ins Blut. Unterwegs fließt die Lymphe durch Lymphknoten, die sie filtern und in denen Abwehrzellen auf Erreger treffen. Damit gehört das Lymphsystem zum Immunsystem und zum Flüssigkeitshaushalt gleichzeitig.
Etwas genauer: Aus den kleinsten Blutgefäßen wird ständig Flüssigkeit ins Gewebe gedrückt, damit Nährstoffe und Sauerstoff an die Zellen kommen. Der größte Teil wird von den Blutgefäßen wieder aufgenommen. Ein Rest bleibt im Gewebe liegen, und den holen die Lymphgefäße ab. Diese Flüssigkeit heißt dann Lymphe. Sie ist hell bis gelblich und enthält unter anderem Eiweiß und weiße Blutkörperchen, vor allem Lymphozyten.
Die Lymphgefäße laufen von den Beinen, vom Kopf und aus den Organen Richtung Brust zusammen und münden kurz vor dem Herzen in große Venen. Damit nichts zurückläuft, haben sie Klappen, ähnlich wie Venen. Aus dem Darm nimmt die Lymphe außerdem einen großen Teil des Nahrungsfetts auf. Kommt das System irgendwo nicht hinterher, bleibt die Flüssigkeit im Gewebe, und genau das sieht man dann als Schwellung.
Wie viele Lymphknoten hat ein Pferd?
In der Anatomie wird für das Pferd mit rund 8.000 Lymphknoten gerechnet, beim Menschen sind es etwa 600. Die Lymphknoten des Pferdes sind dafür klein und liegen meist in Gruppen zusammen, oft als Pakete aus vielen einzelnen Knötchen. Beim gesunden Pferd tastest du davon nur sehr wenige.
Jeder Lymphknoten hat sein Einzugsgebiet. Die Knoten im Kehlgang bekommen die Lymphe aus Maul, Nase und Gesicht, die Knoten vor dem Schulterblatt die aus Hals und Vorderbein, die Knoten in der Kniefalte und in der Leiste die aus Hinterbein und Bauchwand. Dazu kommen sehr viele Lymphknoten im Bauchraum, vor allem entlang des Darms. Der Darm ist ständig mit Futter, Mikroben und allem, was sonst noch mitkommt, in Kontakt, und entsprechend viel Abwehrarbeit fällt dort an.
Dass das Pferd so viel mehr Lymphknoten hat als wir, ist übrigens kein Zeichen für ein stärkeres Immunsystem. Es ist einfach eine andere Bauweise: viele kleine Knoten statt weniger großer. Für dich im Stall heißt das vor allem, dass ein einzelner vergrößerter Knoten beim Pferd eher auffällt, weil die gesunden so klein sind.
Wo taste ich die Lymphknoten beim Pferd?
Am einfachsten im Kehlgang, also zwischen den beiden Unterkieferästen. Dort liegen beim gesunden Pferd kleine, weiche, gut verschiebbare Päckchen, ungefähr so groß wie eine Bohne. Sie tun beim vorsichtigen Drücken nicht weh und sind auf beiden Seiten etwa gleich. Die übrigen Lymphknoten tastest du beim gesunden Pferd meist nicht.
So gehst du vor: Stell dich seitlich neben den Kopf, leg die Hand flach von unten in den Kehlgang und streich mit den Fingerspitzen langsam von hinten nach vorn. Die Lymphknoten rutschen dabei unter den Fingern weg. Achte darauf:
- Größe: Bohne ist normal, Walnuss oder größer nicht.
- Beweglichkeit: Gesunde Knoten lassen sich etwas hin und her schieben.
- Wärme und Schmerz: Ein gesunder Knoten ist nicht wärmer als die Haut drumherum, und das Pferd zuckt nicht weg.
- Seitengleich: Links und rechts sollten sich ähnlich anfühlen.
Es lohnt sich, das ein paarmal zu machen, solange dein Pferd gesund ist. Dann weißt du, wie es sich bei ihm normal anfühlt, und merkst eine Veränderung schneller. Die Knoten vor dem Schulterblatt, in der Kniefalte und in der Leiste fallen meist erst auf, wenn sie deutlich vergrößert sind, und dann gehört eine Tierärztin dazu.
Warum schwellen Lymphknoten beim Pferd an?
Weil in ihrem Einzugsgebiet etwas los ist, meistens eine Entzündung oder Infektion. Dann vermehren sich die Abwehrzellen im Knoten, er wird größer, oft warm und druckempfindlich. Beim Pferd ist bei dicken Kehlgangslymphknoten vor allem an Druse zu denken. Seltener steckt ein Tumor des Lymphsystems dahinter.
Druse ist eine ansteckende Infektion mit Streptokokken. Typisch sind Fieber, eitriger Nasenausfluss, Fressunlust, weil das Schlucken weh tut, und harte, heiße Lymphknoten im Kehlgang, die später aufbrechen können. Ein Pferd mit diesem Bild gehört sofort von den anderen getrennt, und die Tierärztin wird informiert, bevor es durch den Stall geführt wird.
Auch eine entzündete Zahnwurzel, eine Verletzung im Maul oder ein Infekt der Atemwege kann die Knoten im Kehlgang anschwellen lassen. Das sind meist kleinere, weniger heiße Schwellungen. Bleibt ein Lymphknoten über Wochen vergrößert, ohne dass ein Infekt erkennbar ist, oder sind mehrere Knoten an verschiedenen Stellen dick, sollte die Tierärztin nachsehen. Dahinter kann in seltenen Fällen ein Lymphom stecken, also ein Tumor der Lymphozyten.
Und noch ein Tipp: Wenn du einen dicken Lymphknoten findest, miss zuerst Fieber. Beim erwachsenen Pferd liegt die normale Temperatur bei etwa 37,5 bis 38,0 Grad.
Warum braucht das Lymphsystem beim Pferd Bewegung?
Weil es keine eigene Pumpe wie das Herz hat. Die Lymphe wird über Muskelarbeit, den Puls der Arterien daneben, die Atmung und die Eigenbewegung der Gefäßwände weitergeschoben. Unterhalb von Vorderfußwurzel und Sprunggelenk hat das Pferd keine Muskeln mehr, dort übernehmen Sehnen und Hufmechanismus diese Arbeit.
Ab dem Röhrbein abwärts gibt es nur Knochen, Sehnen, Bänder und Haut. Bei jedem Schritt wird der Huf belastet, das Gefäßnetz im Huf wird zusammengedrückt, und die Flüssigkeit wird nach oben geschoben. Steht ein Pferd still, fällt das weg. Die Schwerkraft zieht die Flüssigkeit nach unten, und die Lymphe kommt nicht mehr hinterher.
Das ist der Grund, warum Pferde nach einer Nacht in der Box, nach einer langen Fahrt oder bei Boxenruhe angelaufene Beine bekommen. Meist sind beide Hinterbeine betroffen, die Schwellung ist kühl und weich und nach 20 bis 30 Minuten Bewegung wieder weg. Was dabei genau passiert, was das Wetter damit zu tun hat und woran du erkennst, dass ein dickes Bein mehr ist, steht ausführlich im Beitrag Geschwollene Beine beim Pferd.
Für das Lymphsystem insgesamt heißt das: Viele Stunden Bewegung am Tag, am besten auf einem Paddock oder in einer Gruppe mit Platz zum Laufen, ist das Beste, was du dafür tun kannst.
Was ist eine Lymphangitis beim Pferd?
Eine Entzündung der Lymphgefäße. Sie entsteht meist, wenn Bakterien über eine kleine Wunde in die Haut gelangen und sich entlang der Lymphbahnen ausbreiten. Das Bein schwillt dann plötzlich an, wird warm und schmerzhaft, und das Pferd lahmt und hat oft Fieber. Das gehört am selben Tag zur Tierärztin.
Im Stall heißt das oft einfach Einschuss. Fachlich wird zwischen der Phlegmone, bei der sich die Entzündung im Unterhautgewebe ausbreitet, und der Lymphangitis, bei der die Lymphgefäße selbst entzündet sind, unterschieden. In der Praxis kommt beides oft zusammen. Manchmal sieht man die entzündeten Lymphgefäße sogar als dicke Stränge unter der Haut, die am Bein nach oben ziehen.
Die Eintrittspforte ist oft winzig: ein Kratzer, ein Riss in der Fesselbeuge oder Mauke. Wie du Mauke erkennst und warum sie so oft wiederkommt, steht im Beitrag Mauke beim Pferd. Wird eine Lymphangitis nicht behandelt, können die Lymphgefäße dauerhaft Schaden nehmen, und das Bein bleibt dann auch nach dem Abheilen dicker.
Eine eigene Erkrankung ist das chronisch fortschreitende Lymphödem bei schweren Kaltblütern mit viel Behang. Dabei arbeiten die Lymphgefäße der unteren Beine über Jahre immer schlechter.
Wenn du bei einem Zeichen am Pferd nicht sicher bist, ob du selbst handeln kannst oder die Tierärztin brauchst, hab ich dafür ein Nachschlagewerk geschrieben.
Was ist die dicke Beule am Kopf nach dem Grasen?
Meistens eine geschwollene Ohrspeicheldrüse. Sie sitzt hinter dem Unterkiefer unterhalb vom Ohr und schwillt bei manchen Pferden nach dem Grasen an, oft auf beiden Seiten. Die Schwellung ist weich, tut kaum weh, und das Pferd ist sonst munter. Abseits der Weide geht sie meist innerhalb von Stunden bis ein, zwei Tagen wieder weg.
Mit dem Lymphsystem hat das also nichts zu tun, auch wenn es oft so erklärt wird. Warum die Drüse anschwillt, ist nicht geklärt. Diskutiert werden eine Reaktion auf bestimmte Gräser oder Pollen, Pflanzenteile, die den Ausführungsgang der Drüse reizen, und die lange tiefe Kopfhaltung beim Grasen. Am häufigsten fällt es im Frühjahr und Herbst auf, wenn das Gras schnell wächst. Was auf der Herbstweide sonst noch zu beachten ist, steht im Beitrag Herbstweide beim Pferd.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Druse. Die Ohrspeicheldrüse liegt weiter oben und weiter hinten, direkt hinter dem Kieferrand. Die Lymphknoten, die bei Druse anschwellen, liegen tiefer im Kehlgang zwischen den Unterkieferästen. Hat dein Pferd Fieber, Nasenausfluss oder frisst es schlecht, ist es keine harmlose Weidebeule mehr.
Was bringt Lymphdrainage beim Pferd?
Manuelle Lymphdrainage ist eine sanfte Massagetechnik, die den Abfluss der Lymphe anregen soll. Beim Pferd wird sie von Pferdephysiotherapeutinnen angeboten, zum Beispiel nach Verletzungen oder Operationen. Gut untersucht ist sie beim Pferd kaum, viele Pferde genießen sie aber sichtlich.
Wichtig ist, wann sie nicht passt. Bei Fieber, bei einer frischen Entzündung wie einem Einschuss, bei einer ansteckenden Erkrankung und bei Pferden mit Herzproblemen wird keine Lymphdrainage gemacht, sondern erst die Tierärztin gefragt. Dasselbe gilt für Kompressionsbandagen, die zu straff oder ohne Polster gewickelt mehr schaden als nützen.
Auch für Lymphkräuter und homöopathische Lymphtropfen gibt es beim Pferd keine belastbaren Studien. Was es zu den einzelnen Kräutern bei dicken Beinen gibt und warum ich bei Steinklee vorsichtig bin, steht im Beitrag zu den geschwollenen Beinen. Ob dein Pferd ein Arzneimittel bekommt, entscheidet die Tierärztin, das gilt auch für Präparate aus der Humanmedizin.
Am Ende bleibt es dabei: Für den Lymphfluss gibt es nichts, was Bewegung ersetzt.
Häufige Fragen zum Lymphsystem beim Pferd
Was ist Lymphe beim Pferd?
Lymphe ist die Gewebeflüssigkeit, die von den Lymphgefäßen eingesammelt wird. Sie ist hell bis gelblich und enthält Eiweiß, Fett aus dem Darm und weiße Blutkörperchen. Über die Lymphknoten fließt sie zurück ins Blut.
Hat das Lymphsystem beim Pferd eine eigene Pumpe?
Nein. Die Lymphe wird über Muskelarbeit, Atmung, den Puls der Arterien und die Gefäßwände selbst bewegt. In den unteren Beinen übernehmen Sehnen und Hufmechanismus die Arbeit, deshalb ist Bewegung so wichtig.
Wo taste ich die Lymphknoten beim Pferd?
Am einfachsten im Kehlgang zwischen den Unterkieferästen. Dort liegen beim gesunden Pferd kleine, weiche, verschiebbare Päckchen. Sind sie groß, hart, warm oder schmerzhaft, miss Fieber und ruf die Tierärztin.
Ist ein dicker Lymphknoten beim Pferd immer Druse?
Nein. Auch Zahnprobleme, Verletzungen im Maul oder ein Atemwegsinfekt können die Knoten im Kehlgang anschwellen lassen. Kommen Fieber, Nasenausfluss und Fressunlust dazu, trenn dein Pferd trotzdem sofort ab, bis die Tierärztin Bescheid weiß.
Was ist der Unterschied zwischen Lymphangitis und angelaufenen Beinen?
Angelaufene Beine sind kühl, weich, meist beidseitig und nach Bewegung wieder schlank. Bei einer Lymphangitis ist meist ein Bein heiß, schmerzhaft und dick, und das Pferd lahmt. Das ist eine Infektion und gehört zur Tierärztin.
Warum laufen beim Pferd die Hinterbeine an?
Weil unterhalb von Sprunggelenk und Vorderfußwurzel keine Muskeln pumpen und die Flüssigkeit im Stand nach unten sackt. Die Hinterbeine trifft es häufiger. Mehr dazu im Beitrag Geschwollene Beine beim Pferd.
Quellen
- Nickel R, Schummer A, Seiferle E: Lehrbuch der Anatomie der Haustiere, Band III, Kreislaufsystem. Parey.
- Salomon FV, Geyer H, Gille U (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin.
- Auflage, Enke 2015.
- Engelhardt W v., Breves G u. a. (Hrsg.): Physiologie der Haustiere.
- Auflage, Enke 2015.
- Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A (Hrsg.): Handbuch Pferdepraxis.
- Auflage, Enke 2017.
- Kentucky Equine Research: Jaw Swelling in Horses: Strangles or Grass Mumps? ker.com.


