Wenn dein Pferd klamm läuft, sich auf die Trachten stellt oder in der typischen Haltung mit vorgestreckten Vorderbeinen steht, dann ist das ein Fall für den Tierarzt, sofort und nicht morgen. Hufrehe ist eine Entzündung im Huf, bei der sich die Verbindung zwischen Hufbein und Hufkapsel löst, und jede Stunde zählt. Kein Text im Internet, auch dieser nicht, ersetzt an dieser Stelle einen Anruf.
Dieser Beitrag setzt danach an. Bei der Frage, die dir gestellt wird, sobald der akute Schub versorgt ist: Und was füttere ich jetzt?
Der Denkfehler, der die meisten in die Irre führt
Fast jeder verbindet Hufrehe mit zu viel Gras. Das ist nicht falsch, aber es ist nur ein Sonderfall von etwas Größerem, und wer dabei stehen bleibt, übersieht die häufigste Ursache.
Man unterscheidet heute drei Wege in eine Rehe:
Die endokrine Rehe. Sie geht vom Stoffwechsel aus, genauer vom Insulin. Sie ist mit großem Abstand die häufigste Form, und sie hängt fast immer an einer der beiden Grunderkrankungen: dem Equinen Metabolischen Syndrom oder ECS, das früher Cushing hieß. Das Gras ist hier nur der Zünder, das Pulver lag schon lange da.
Die Belastungsrehe. Sie entsteht, wenn ein Bein über längere Zeit die Last des anderen mittragen muss, etwa nach einer schweren Verletzung. Mit der Fütterung hat sie ursächlich nichts zu tun.
Die entzündliche oder toxische Rehe. Nach einer schweren Kolik, einer Geburtsstörung, einer Vergiftung. Auch selten, und auch kein Fütterungsproblem im engeren Sinn.
Der springende Punkt: Bei ungefähr neun von zehn Pferden mit Rehe steht das Insulin dahinter. Deshalb ist die richtige Frage nach einem Schub nicht "wie viel Gras hat es erwischt", sondern "wie geht dieses Pferd mit Zucker um, und warum".
Genau darin liegt auch die gute Nachricht der letzten Jahre. Aus der Auswertung einer großen Falldatenbank kommt die Zahl, dass sich rund 95 Prozent der Pferde bessern, wenn Diagnostik, Fütterung und Bewegung konsequent zusammengeführt werden. Und was den Ausbruch entscheidet, ist nicht die Veranlagung, sondern das Management: Ein Pferd mit hohem genetischem Risiko kann bei guter Haltung und passender Fütterung sein Leben lang gesund bleiben.
"Er war doch gar nicht auf der Weide"
Diesen Satz höre ich oft, und er stimmt meistens sogar. Nur ist er kein Gegenbeweis, denn der Zucker steckt nicht nur im Gras.
Er steckt auch im Heu, und dort in einer Menge, die die wenigsten auf dem Schirm haben. Aus der veröffentlichten Auswertung der LUFA Nord-West über mehrere tausend Heuproben:
| Wert | Mittelwert | Spanne von bis |
|---|---|---|
| Gesamtzucker | 9,0 Prozent der Trockensubstanz | 2,8 bis 16,8 Prozent |
| Fruktan | 5,3 Prozent | 2,3 bis 9,4 Prozent |
Lies die rechte Spalte noch einmal. Zwischen dem zuckerärmsten und dem zuckerreichsten Heu liegt der Faktor sechs. Beide Ballen liegen im selben Lager, riechen gleich und sehen gleich aus.
Was das für ein Pferd bedeutet, wird erst beim Rechnen deutlich. Ein 600-Kilo-Pferd frisst rund 10 Kilo Trockensubstanz am Tag:
| Heu | Zuckergehalt | Zucker am Tag |
|---|---|---|
| zuckerarm | 4 Prozent | 400 Gramm |
| durchschnittlich | 9 Prozent | 900 Gramm |
| zuckerreich | 15 Prozent | 1.500 Gramm |
Das Pferd am zuckerreichen Heu bekommt jeden Tag ein Kilo Zucker mehr als das am zuckerarmen. Ohne einen Halm Gras, ohne ein einziges Leckerli, allein aus dem, was alle für die harmlose Grundlage halten.
Deshalb lautet die erste Frage bei einem Rehepferd nicht "was gebe ich dazu", sondern: Was steckt eigentlich in eurem Heu? Und diese Frage beantwortet nur eine Analyse. Nicht das Aussehen, nicht der Geruch, nicht der Preis und auch nicht die Aussage des Landwirts, es sei ein später Schnitt.
Die Zahl, um die alles kreist
Für Pferde mit Rehe, EMS oder ECS gilt als Richtwert: Zucker und Stärke zusammen sollten unter 10 Prozent der Trockensubstanz der Gesamtration bleiben. Manche Fachleute setzen die Grenze bei 12 Prozent, bei sehr empfindlichen Pferden geht man tiefer.
Damit lässt sich rechnen, und das solltest du auch tun, bevor du irgendetwas kaufst.
Ein Beispiel: Heu mit 9 Prozent Zucker und 5 Prozent Fruktan liegt bei den wasserlöslichen Kohlenhydraten schon bei 14 Prozent, also über der Grenze, noch bevor irgendetwas anderes im Trog liegt. Bei so einem Heu ist die Ergänzungsfrage zweitrangig. Da muss zuerst das Grundfutter passen.
Was sofort verschwindet
Diese Liste ist kurz und unbequem, und sie gilt ohne Ausnahmen:
- Getreide in jeder Form. Hafer, Gerste, Mais, auch der Löffel Hafer als Belohnung.
- Müsli und Mash. Ein handelsübliches Müsli liegt oft bei 30 Prozent Stärke.
- Melasse. Sie steckt als Träger und Geschmacksgeber in erstaunlich vielen Ergänzungsfuttern. Deklaration lesen, nicht die Vorderseite.
- Obst und Möhren. Der Apfel als Gutenachtgruß ist bei einem Rehepferd keine Kleinigkeit.
- Leckerlis, auch die als "getreidefrei" beworbenen. Getreidefrei heißt nicht zuckerfrei.
- Weidegang, bis die Tierärztin ihn wieder freigibt. Und dann in kleinen Schritten, nicht gleich wieder halbtags.
Was bleibt
Heu, in der richtigen Menge. Auch ein Rehepferd braucht Raufutter, und Hungern ist keine Behandlung. Ein leerer Magen macht Geschwüre, und lange Fresspausen bringen den Stoffwechsel zusätzlich durcheinander. Die Untergrenze liegt bei 1,5 Kilo Heu je 100 Kilo Körpergewicht, gerechnet in Trockensubstanz.
Stroh zum Strecken. Bis zu einem Drittel der Raufuttermenge kann sauberes Futterstroh sein. Das senkt den Zucker in der Gesamtration und hält die Fresszeit oben. Wichtig: langsam einschleichen und immer genug Wasser anbieten.
Gewässertes Heu, wenn die Analyse es nötig macht. Eine halbe bis eine Stunde in reichlich Wasser senkt die wasserlöslichen Kohlenhydrate spürbar, allerdings unzuverlässig und je nach Heu unterschiedlich stark. Das Wasser danach weggießen, nicht in den Trog. Und der Haken: Mit dem Zucker gehen auch Mineralstoffe verloren, weshalb der nächste Abschnitt umso wichtiger wird.
Ein Mineralfutter, das ohne Getreide und Melasse auskommt.
Salz und Wasser, immer verfügbar.
Warum gerade jetzt die Mineralversorgung zählt
Das wird bei Rehe fast immer übersehen. Wenn Getreide, Müsli und Ergänzungen verschwinden, fällt damit auch der Teil der Versorgung weg, den diese Futter nebenbei geliefert haben. Und das Heu allein füllt die Lücke nicht.
Dieselbe LUFA-Auswertung, gemittelt über 1.087 Proben:
| Spurenelement | Mittelwert im Heu | Zielwert |
|---|---|---|
| Zink | 27 mg je kg Trockensubstanz | über 50 |
| Kupfer | 4,7 mg je kg | 6 bis 10 |
Beide liegen im Mittel unter dem Ziel, Zink bei gut der Hälfte. Wer jetzt noch wässert, kommt weiter herunter. Ein Rehepferd braucht also eher mehr Sorgfalt bei den Mineralstoffen als ein gesundes, nicht weniger.
Worauf du beim Mineralfutter achtest: kein Getreide, keine Melasse als Träger, ein Zink-Kupfer-Verhältnis um vier bis fünf zu eins, und eine Tagesdosis, die dein Pferd auch tatsächlich frisst. Die schönste Deklaration nützt nichts, wenn die halbe Portion im Trog liegen bleibt.
Damit hier keine Verwechslung entsteht: Es geht um eine Nährstofflücke, die jedes Pferd mit wenig Heu und ohne Kraftfutter hat. Mit der Rehe selbst hat das nichts zu tun, die behandelt die Tierärztin.
Was mit Kräutern geht und was nicht
Vorweg, damit es keine Missverständnisse gibt: Kräuter sind Futtermittel und keine Arzneimittel. Sie behandeln keine Hufrehe. Bei einer Rehe entscheidet die Tierärztin, und in der Fütterung entscheidet die Grundration. Kräuter sind ein Bestandteil dieser Ration, mehr nicht, und sie kommen zuletzt.
Wenn die Grundlage steht, arbeite ich gern mit Brennnessel. Sie gehört zu den klassischen Futterkräutern und wird in der Pferdefütterung seit Generationen kurweise eingesetzt.
Was ich nicht mache: fünf Tüten nebeneinander. Bei einem Pferd, dessen Stoffwechsel ohnehin aus dem Tritt ist, schafft eine lange Zutatenliste vor allem Unübersichtlichkeit. Wenn sich etwas ändert, willst du wissen, woran es lag.
Ein zweiter Baustein, über den es sich nachzudenken lohnt, sind die Omega-3-Fettsäuren. Sie sind Bestandteil jeder Zellmembran, und das Verhältnis zwischen Omega-3 und Omega-6 in der Ration verschiebt sich bei getreidereicher Fütterung deutlich in die falsche Richtung. Wer Getreide streicht, tut hier schon den ersten Schritt.
Bewegung, aber erst auf Ansage
Bewegung ist neben der Fütterung der zweite große Hebel bei einem insulinbedingten Problem, denn arbeitende Muskulatur nimmt Zucker unabhängig vom Insulin auf. Das gilt allerdings für die Zeit nach dem Schub.
Im akuten Schub gilt das Gegenteil: Ruhe, weicher Untergrund, und was die Tierärztin sagt. Wer ein Pferd mit frischer Rehe bewegt, riskiert, dass sich das Hufbein weiter senkt. Der Zeitpunkt für den Wiedereinstieg ist eine tierärztliche Entscheidung, keine Bauchentscheidung.
Wie lange es dauert
Damit du weißt, wann du dir Sorgen machen musst und wann nicht:
- Tag 1 bis 14: Akutversorgung, Ruhe, Fütterung umstellen. Am Gangbild ändert sich in dieser Zeit oft wenig. Das ist normal.
- Woche 3 bis 8: Das Gangbild bessert sich, das Pferd steht wieder gleichmäßiger. Jetzt kommen die Ergebnisse der Blutuntersuchung ins Spiel: Insulin, Glukose, bei Verdacht ACTH für ECS.
- Monat 3 bis 12: Das Horn wächst nach, und zwar von oben. Ein Huf braucht je nach Stelle acht bis zwölf Monate für einen vollständigen Umbau. Was du heute fütterst, siehst du am Tragrand in einem halben Jahr.
Führ ein Protokoll und fotografier die Hufe alle vier Wochen, immer von derselben Seite. Bei einem Verlauf über Monate täuscht die Erinnerung, und die Bilder tun es nicht.
Wann die Tierärztin drangehört
Bei jedem Verdacht auf einen akuten Schub, ohne Zögern. Die Anzeichen: klammer, trippelnder Gang besonders auf hartem Boden und in der Wendung, vermehrte Pulsation an der Fesselbeuge, warme Hufe, das Zurücklehnen auf die Hinterhand, Widerwille beim Vorführen eines Beins.
Und darüber hinaus in drei Fällen:
- Zur Abklärung der Ursache. Nach einem ersten Schub gehören Insulin und Glukose ins Blut, bei entsprechendem Bild auch ACTH. Ohne diese Werte fütterst du ins Blaue.
- Wenn es sich trotz allem nicht bessert. Wenn Ration und Haltung sitzen und nach acht Wochen nichts passiert, fehlt ein Teil der Diagnose.
- Bei jedem erneuten Schub. Ein wiederkehrendes Problem ist ein Hinweis auf eine Grunderkrankung, die noch nicht erfasst ist.
Dazu gehört die Hufbearbeitung. Fütterung und Beschlag oder Barhufbearbeitung sind bei Rehe zwei Hälften derselben Sache, und beide müssen zusammenpassen.
Wo ich anfangen würde
Lass dein Heu untersuchen. Das ist der eine Schritt, der bei Hufrehe fast alles entscheidet, und es ist der, den die wenigsten gehen. Er kostet ungefähr so viel wie zwei Sack Ergänzungsfutter und sagt dir mehr als beide zusammen.
Bis das Ergebnis da ist, kannst du die Liste weiter oben abarbeiten: Getreide, Müsli, Melasse, Obst und Leckerlis raus. Das ist keine Vermutung, das gilt in jedem Fall.
Woher die Zahlen kommen: Die Heuwerte stammen aus der veröffentlichten Auswertung der LUFA Nord-West, Institut für Futtermittel, Oldenburg: Mittelwerte und Schwankungsbreiten aus 2.544 Proben für die Nährstoffe und 1.087 Proben für die Mineral- und Spurenelemente. Die Bedarfswerte folgen den Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE), Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, Ausgabe 2014. Die Grenze von 10 Prozent Zucker und Stärke in der Gesamtration ist ein in der Fütterung von Rehe- und EMS-Pferden eingeführter Richtwert, keine gesetzliche Vorgabe. Alle Angaben beziehen sich auf ein erwachsenes Pferd und ersetzen keine tierärztliche Beurteilung des Einzelfalls.